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Autor Thema: Utøya 22. Juli  (Gelesen 283 mal)
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StS
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Obsessed with the "mess" that's America


« am: 28. Oktober 2018 um 16:59 »



Entstehungsdaten:
Norwegen 2018

Regie:
Erik Poppe

Darsteller:
Andrea Berntzen
Aleksander Holmen
Elli Rhiannon Müller Osborne
Brede Fristad
Solveig Koløen Birkeland

Trailer


Am 22. Juli 2011 wurden in Norwegen zwei Terroranschläge verübt.
Zuerst detonierte eine Bombe im Osloer Regierungsviertel.
Danach wurde ein Attentat in einem Ferienlager auf der Insel Utøya verübt.
Der Täter war ein 32-jähriger Rechtsextremist aus Oslo.
77 Menschen wurden getötet.
99 Menschen wurden schwer verletzt.
Mehr als 300 Menschen erlitten schwerwiegende Psychotraumata.
Das Attentat auf Utøya dauerte 72 Minuten.

„Utøya 22. Juli“ (2018) ist ein norwegischer dramatischer Thriller von Regisseur Erik Poppe („the King´s Choice“), der die unmittelbaren Auswirkungen des betreffenden Angriffs auf rund 500 Teenager aufzeigt, welche sich an jenem Tag auf der kleinen Insel im östlichen Tyrifjord im Rahmen eines Ferien-Camps der sozialdemokratischen Arbeiterpartei zusammengefunden hatten – und das ausschließlich aus der Perspektive der Leidtragenden, in „Echtzeit“ sowie in Gestalt einer einzigen langen Kamera-Einstellung arrangiert und dargeboten. Zwar präsentiert dem Zuschauer das von Siv Rajendram Eliassen und Anna Bache-Wiig verfasste Drehbuch fiktive Charaktere und deren Erlebnisse – basiert in der Hinsicht jedoch auf den Schilderungen diverser Augenzeugen. Der für das Massaker verantwortliche Täter – Anders Behring Breivik – wird indes nie namentlich genannt sowie mit keinerlei direkter Screen-Time „gewürdigt“: Eine bewusste Entscheidung in Anbetracht der von Anfang an ungleich stärker auf ihn als auf seine Opfer ausgerichteten „medialen Aufmerksamkeit“…

Der Film eröffnet mit einigen Texttafel-Zeilen sowie Original-Aufnahmen des um 15:25 Uhr begangenen Bomben-Anschlags im Zentrum Oslos – bevor das fortan im Fokus stehende Geschehen im etwa 40 km entfernt gelegenen Zeltlager einsetzt: Es ist kurz nach fünf. Ein Mädel (Andrea Berntzen) tritt ins Bild, schaut „uns“ geradewegs an und meint: „Das werdet ihr nie verstehen.“ Wurde „die vierte Wand“ durchbrochen? Nur im übertragenen Sinne, denn eigentlich ist Katja dabei, mit ihrer Mutter zu telefonieren, welche sich angesichts des „Vorfalls“ in der Hauptstadt Sorgen um sie und ihre jüngere Schwester Emilie (Elli Rhiannon Müller Osborne) macht, die ebenfalls mit nach Utøya gereist war. Die Stimmung unter den Jugendlichen ist bedrückt, von Verunsicherung geprägt: Manche spekulieren über eine Gas-Explosion oder ob es wirklich ein Terror-Akt war, hinter dem Al-Qaida steckt – andere bemühen sich darum, an weitere Infos zu gelangen oder Nahestehende zu kontaktieren, die in der Nähe des Regierungsviertels wohnen oder arbeiten…

Katja ist beliebt und politisch ambitioniert. Emilie hatte sie u.a. dabeihaben wollen, damit sie mal „rauskommt“ und möglicherweise neue Bekanntschaften schließt. Da jene – trotz der sich verbreitenden Meldungen – schwimmen gegangen und somit für ihre Mutter nicht erreichbar war, führt das nach ihrer Wiederkehr stracks zu einem Streit zwischen ihnen, an dessen Ende Katja sie im Zelt zurücklässt und sich zu einigen ihrer sich an einem Waffel-Stand unterhaltenden Freunde (unter ihnen Brede Fristad, Sorosh Sadat und Aleksander Holmen) hinüber gesellt. Plötzlich hören sie einen Knall – gefolgt von weiteren. Böller? Vielleicht, denken sie sich – bis auf einmal Schreie ertönen und aus jener Richtung Leute panisch angerannt kommen. Schnell flüchten sie ins Cafeteria-Gebäude. Niemand weiß, was los ist. Gerüchte, die Schüsse würden von Polizisten stammen, verbreiten sich. Irgendwie eine Art Übung? Als ihnen klar wird, dass sie sich eher im Wald verstecken sollten, wo zudem der Handy-Empfang besser ist, laufen sie los – an den ersten am Boden liegenden Körpern vorbei…

Bis auf einzelne „Laute der Bestürzung“ war es während der von mir besuchten Vorstellung von „Utøya 22. Juli“ gar ruhiger als bei „A Quiet Place“. Nach zirka 10 „Einstiegs-Minuten“, in denen man Zeit in der Gegenwart einer Handvoll der sich auf der Insel aufhaltenden Kids verbringt, beginnen exakt 72 weitere, in denen über sie ein unbegreifliches, aber nur allzu reales Grauen hereinbricht. U.a. unwissend, um wie viele Schützen es sich handelt, kauern sie sich hinter Baumstämme, Sträucher und kleine Erdwalle – doch das Eiland ist bloß 11 Hektar groß. Einige Küsten-Bereiche fallen zum Wasser hin felsig-steil ab – bei den Temperaturen und der Strömung ist ein Schwimmen bis zum nächsten Ufer nahezu unschaffbar. Der Hall der immer wieder die Stille durchbrechenden, Furcht potenzierenden Geräusche verhindert ein konkretes Lokalisieren ihrer Ursprünge. Obgleich der Polizei Bescheid gegeben werden kann, ist mit einem raschen Eintreffen kaum zu rechnen. Was sollen sie tun? Im Wald ausharren, in Bewegung bleiben, sich aufteilen, beim Strand auf Boote warten bzw. hoffen?

Die Kamera verlässt nie Katja´s Seite – zeigt uns ihre Reaktionen, Taten sowie das, was sie in ihrem direkten Umfeld erblicken kann. Ungeachtet der nur recht kurzen Einführung ihrer Figur verfestigt sich im Zuge der sich entfaltenden Extrem-Situation zügig eine „emotionale Verbindung“ zu ihr: Sie repräsentiert quasi das, was an jenem Tag zig andere durchlitten – wirkt dabei aber dennoch stets wie ein „Individuum“ (mit einem ganz eigenen Schicksal). Katja´s Sorge um Emilie veranlasst sie schon bald dazu, sich von ihren Freunden zu trennen und allein zum Zeltplatz zurückzukehren – wo sie zwar nicht ihre Schwester, dafür jedoch einen unter Schock stehenden Knaben findet und diesen zum Davonlaufen von jenem zentralen, keinen echten Schutz liefernden Ort zu animieren vermag. Als Katja ihre Mutter mal flüchtig am Telefon hat und ihr weinend gestehen muss, nicht zu wissen, was mit Emilie ist, während sie selbst ja in akuter Todesgefahr schwebt, trägt der Gedanke daran, was in einem solchen Moment wohl in den Eltern vorgehen muss, nur zusätzlich zu dem „bedrückenden Gewicht“ des Werks bei…

Da die Darbietung der Ereignisse in „Utøya 22. Juli“ ohne erkennbare Schnitte erfolgt, wird der Zuschauer förmlich „immersiv ins Geschehen hineingezogen“: Man erhält ein Gefühl für die Entfernungen, für die von Orientierungslosigkeit, Unruhe und Abwägungen gezeichneten Pausen zwischen Positions-Veränderungen sowie für die grundlegende Dauer der Tortur – schlichtweg weil man die komplette Zeit 1:1 „mit durchlebt“. Beim Betrachter resultiert das in Anspannung – ist teils wahrhaft unangenehm beizuwohnen; punktuell nur schwer erträglich. Als Katja bspw. ein angeschossenes Mädchen (Solveig Koløen Birkeland) entdeckt, welches nicht mehr aufzustehen in der Lage ist, setzt sie diese Begegnung u.a. dem fiesen Dilemma aus, der flehenden Bitte der Verletzten nachkommen zu wollen, bei ihr zu bleiben, während zugleich die Befürchtung besteht, der Schütze bewege sich gerade in ihre Richtung: Eine sich unweigerlich „ins Gedächtnis einbrennende“ Szene, welche überdies verdeutlicht, was für „psychische Wunden“ so etwas Traumatisches mit Sicherheit bei jemandem reißen dürfte…

Poppe entschied sich dafür, angrenzend alle Rollen mit absoluten Newcomern zu besetzen – inklusive Hauptdarstellerin Andrea Berntzen, die vorher bloß im Schul-Theater gespielt hatte und nach ihrem Abschluss prompt den Part erhielt: Eine Gegebenheit, die ihre an sich schon kraftvoll-überzeugende Performance umso beeindruckender macht. Man fiebert mit ihr – kann Katja´s Gemütsregungen nachempfinden und begleitet sie „jeden Schritt ihres Weges“. In der Beziehung – mit ihr als tapfere Protagonistin, zu der wir eine „Connection“ aufbauen – ist man sich gewahr, es mit einem Film (samt bestimmter zugehöriger „Mechanismen“) zutun zu haben. Ab und an kommen einem tatsächlich Menschen in einem Kriegs-Gebiet in den Sinn, die zu überleben versuchen und (z.B.) auch mal darüber reden, was sie denn vorhaben, wenn sie wieder zuhause sind. Manch einen mag Katja (speziell im Zusammenhang mit der Wald-Umgebung) eventuell sogar an Katniss Everdeen im ersten „Hunger Games“-Streifen erinnern – doch als ein „Entertainment-Produkt“ lässt sich das Gebotene nur sehr bedingt einstufen…

Letzteren „Spagat“ meistert „Utøya 22. Juli“ relativ gut. Poppe will das Publikum weniger „klassisch unterhalten“ – sondern es vielmehr „durchrütteln“ sowie (vorrangig via der von ihm gewählten Form der „Rekonstruktion“) unmittelbar in die Lage dieser Teens hineinversetzen. Katja sieht sich mit verschiedenen schrecklichen Situationen konfrontiert, die in der Realität unterschiedlichen Personen widerfahren waren. Oberflächlich gesehen kann man sie als ein „Final Girl“ bezeichnen – bisweilen wird Suspense wie im Horror-Genre generiert. Genau das bietet gewissen (Poppe u.a. „Pietätlosigkeit“ vorwerfenden) Kritikern natürlich einen konkreten Ansatz für ihre Vorhaltungen – ebenso wie die wiederkehrend aufkommende Diskussion, ob man überhaupt Filme über solche noch immer derart klar in den Köpfen präsente Tragödien drehen sollte, ohne dass eine längere Zeit dazwischen liegt. Poppe offeriert einem keine neuen Erkenntnisse – stattdessen weist er gezielt darauf hin, dass hinter den von uns „konsumierten“ Nachrichten-Meldungen stets individuelle Schicksale stehen…

Die rund 80-minütige Plan-Sequenz wurde an mehreren aufeinanderfolgenden Tagen jeweils einmal komplett abgedreht sowie anschließend wohl an vereinzelten Stellen „unauffällig“ (nie bewusst erkennbar) zusammengeschnitten: Eine Glanzleistung aller Beteiligten – welche den einen oder anderen Cineasten allerdings ein Stück weit „ablenken“ könnte, sollte er oder sie im Verlauf über den Aufwand, das Timing und/oder die Perfektion des Arrangierten (seitens der Cast&Crew) nachzudenken beginnen. Martin Otterbeck´s Kamera begleitet Katja „über Stock und Stein“ (steile Hänge hinab, durchs Wasser etc.), schmeißt sich mit ihr auf den Boden, lugt gelegentlich „subjektiv“ aus der Deckung heraus und erzeugt „Intimität“, indem sie permanent ganz nah bei ihr verbleibt. In Kombination mit dem unerbittlichen Sound-Design wird der Terror effektiv vermittelt – auch ohne Projektil-Einschläge oder den (bloß einmal flüchtig in einiger Entfernung zu erspähenden) Schützen zu zeigen. Auf eine Musik-Untermalung der Geschehnisse wurde inspirierterweise verzichtet…

„Utøya 22. Juli“ ist keine „leicht verdauliche Kost für die breite Masse“. Eher könnte man von einem „Arthouse-Survival-Thriller“ sprechen, der trotz des grausamen Massenmords geradezu „zurückhaltend“ beim Darreichen „expliziter Details“ daherkommt. Unabhängig dessen schwört er eine „niederschmetternde Wirkung“ herauf, die sich zum Ende hin noch einmal bestürzend steigert und der sich wohl kaum ein „normaler Mensch“ zu entziehen vermag. Ja, es gibt zwei Momente, in denen mir das Skript „zu vordergründig“ verfasst vorkam – nämlich ein Anruf-Versuch einer Mutter bei ihrer just verstorbenen Tochter sowie als Katja einem Bekannten zur Beruhigung und Zerstreuung ein Lied vorsingt – doch diverse andere (wie z.B. ein zufällig eingefangener mit einer Mücke) machen diesen Eindruck locker wieder wett. Alles in allem ist Erik Poppe ein bewegendes, polarisierendes, inszenatorisch imposantes Werk gelungen – welches zugleich ein interessantes „Companion Piece“ zu der ebenfalls aus dem Jahr 2018 stammenden „Netflix“-Veröffentlichung „22 July“ (von Paul Greengrass) bildet…


8 Narrenkappen


« Letzte Änderung: 30. Oktober 2018 um 09:33 von StS » Gespeichert

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