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Autor Thema: Like Me  (Gelesen 850 mal)
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StS
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Obsessed with the "mess" that's America


« am: 15. Juli 2018 um 17:46 »



Entstehungsdaten:
USA 2017

Regie:
Robert Mockler

Darsteller:
Addison Timlin
Ian Nelson
Larry Fessenden
Jeremy Gardner

Trailer


Die doppeldeutig betitelte, ungemein zeitgemäße 2017er Veröffentlichung „Like Me“ markiert das Debüt-Werk Robert Mocklers, bei dessen Entstehung er als Regisseur, Drehbuchautor, Editor und Produzent in Personal-Union fungierte. Vor über fünf Jahren drehte er dazu ein „Proof of Concept“-Trailer mit Model Mitzi Peirone in der Hauptrolle und startete daraufhin eine „Crowdfunding“-Kampagne, welche am Ende etwas über 7.000 Dollar einbrachte. Als mir jene gewahr wurde, war ich sogleich von der Story-Idee und zur Schau gestellten „Bilder-Sprache“ Mocklers angetan – weshalb ich mich im März 2013 sehr gern an dem in der Branche im Folgenden nicht unbemerkt verbliebenen Projekt beteiligte. „Hinter den Kulissen“ kamen Leute wie James Belfer („Compliance“), Jenn Wexler („Darling“) und Larry Fessenden („the House of the Devil“) mit an Bord – worüber hinaus letzterer sogar einen wichtigen Darsteller-Part übernahm und man als Lead die wunderbare Addison Timlin („Little Sister“) gewinnen konnte. Während Mockler´s surreal-düster-farbenprächtiges Social-Media-Crime-Drama schließlich auf dem angesagten „SXSW“-Festival seine Premiere feierte, hat die „ausgebootete“ Peirone seither übrigens ebenfalls einige interessante „Indies“ (wie z.B. den 2018er Horror-Thriller „Braid“) verfasst und in Szene gesetzt…

Eröffnet wird mit Kiya (Timlin), wie diese eines späten Abends (Hoodie und Maske tragend) einen kleinen Laden betritt: In der Hand ihr Smartphone, mit welchem sie stumm (ohne ein Wort zu sagen) den Dienst-habenden Mitarbeiter Freddie (Jeremy Gardner) filmt. Für ihn ist es ohnehin eine „zehrende“ Schicht – also lässt er sie einfach und gibt an, ihr schon nichts „bieten“ zu werden, das sich im Internet zu posten lohnt. Unentmutigt macht sie unverändert weiter – bis er dann aber doch (aus seiner aktuellen Stimmungslage heraus) „anbeißt“ sowie u.a. ein Tänzchen aufführt, mit Strohhalmen herumwirft und so tut, als würde er am „Tourette-Syndrom“ leiden; Zuckungen und Gefluche inklusive. Irgendwann der Ansicht, dass es nun genug sei, gönnt er sich ein Bier und setzt sich auf den Boden – allerdings ist Kiya noch immer nicht zufrieden bzw. fertig mit ihm: Sie zieht eine Pistole, hält diese klar erkennbar vor ihr Handy auf ihn gerichtet und zeichnet seine hervorgerufene Angst auf. Freddie beginnt zu weinen, fleht um sein Leben und nässt sich ein – vermag ihr in einem unachtsamen Moment ihrerseits jedoch die Waffe zu entreißen: Jene ist nicht echt, wie er rasch bemerkt – und gerade noch so, bevor er seine Wut an ihr „entladen“ kann, gelingt es ihr, ins Freie zu fliehen, in ihr Auto zu springen und vor ihm davonzubrausen…

Bislang hatten Kiya´s Uploads weder allzu viele Menschen erreicht noch angesprochen: Sie gingen in der Masse unter – hoben sich nicht wirklich von ihr ab. Als sie jedoch ihre neuste Aufnahme online stellt, generiert ihr das Video binnen weniger Stunden massenweise neue „Follower“ sowie eine noch weitaus höhere Zahl an „Clicks“: Es ist „viral“ gegangen. Der zugehörige Feedback-Bereich füllt sich mit Kommentaren, deren Bandbreite sich von Lob und Würdigung für sie und ihre „gewagt-amüsante“ Aktion über Spott und Häme für Freddie – samt entsprechend erschaffener Memes – bis hin zu ablehnender Kritik an dem Getanen erstreckt. Speziell ein Negativ-Beitrag sticht Kiya besonders heraus: In dem Clip nennt sie ein Teenager namens Burt (Ian Nelson) u.a. „armselig“, „möchtegern“ sowie „ein Niemand“ – verurteilt sie harsch für ihr „krankes soziales Gebaren“ und fordert sie dazu auf, sich nach Möglichkeit doch bitte „zum Wohle der Allgemeinheit“ die Pulsadern aufzuschneiden. Seine Worte und damit verbundene Ablehnung treffen sie hart. Zwar weiß sie jetzt, was die Viewer sehen wollen – muss ihnen nun aber auch ein „würdiges Nachfolge-Werk“ liefern, das ihren Erwartungen gerecht wird, und zugleich auf jenem Wege Burt beweisen, nicht bloß ein „Poser“ oder eine „mediale Eintagsfliege“ zu sein…

Ähnlich wie „Ingrid goes west“, „Nightcrawler“ und „King Kelly“ beschäftigt sich „Like Me“ mit „modernen Auswüchsen von Einsamkeit“ sowie mit verschiedenen Sehnsüchten – unter ihnen die nach Anerkennung und Bewunderung. Fördern soziale Netzwerke nicht eher die „Isolation" vieler, anstatt eben jene mit anderen zu „verbinden“? Nicht selten erfährt das persönliche Selbstwertgefühl eine Verknüpfung mit den Ansichten und Anschauungen komplett Fremder: Welche psychologischen Auswirkungen kann das mit sich bringen? In unzähligen Fällen präsentieren sich Leute ganz bewusst nicht so, wie sie eigentlich sind – etwa da sie sich für nicht hübsch oder cool genug halten (siehe bspw. die TV-Serie „Catfish“). In diesem Zusammenhang kann sich überdies auch eine Form von „Exhibitionismus“ und/oder ein Anstieg von Empfindungen wie Boshaftigkeit, Missgunst und Neid entwickeln: Im Netz traut man sich nunmal Dinge zu schreiben, die man sonst so niemandem sagen würde. Kiya ist allein – hat keine Freunde. In einer Szene nimmt sie einen Obdachlosen mit in einen Diner, kauft ihm eine große Essens-Auswahl und hätte im Gegenzug dafür gern, dass er ihr „eine Geschichte“ erzählt – womit er allerdings „nicht klarkommt“ und kurzerhand verschwindet, als sie zwischendurch mal die Toilette aufsucht…

Nach jenem Erlebnis – mit Burt´s Worten noch immer „an ihr nagend“ – entschließt sich Kiya zum Angehen ihres nächsten „Performance-Stücks“: Im Rahmen eines Anrufs fragt sie Marshall (Fessenden), den Manager des kleinen Hotels, in dem sie nächtigt, ob er sich an sie erinnern würde und nicht Lust hätte, zu ihr aufs Zimmer zu kommen und mit ihr zu schlafen. Ihm ist bewusst, dass sie 17 ist – und dennoch taucht er wenig später bei ihr auf, wo sie ihn dann ans Bett fesselt und ihn mit einer klobig-antiquierten Kamera zu filmen anfängt. Marshall hatte den Raum so angestrichen, als würde Blut von der Decke strömen – in seinem eigenen vereinen sich gemalte Wolken und blaue Himmels-Passagen zu einem tiefen Strudel. Aufreizend gekleidet, mit Perücke und einem hauchdünnen schwarzen Stoff vorm Gesicht, bewegt sie sich in einer schräg über ihm gespannten Hängematte vor und zurück – bis sie sich daran begibt, ihn mit allerlei „Junk Food“ (á la Pizza und Süßigkeiten) gewaltsam zu füttern, wonach sie ihm am Ende hart in den Bauch schlägt, so dass er sich übergibt. Marshall lässt das mit mehr „Würde“ als Freddie über sich ergehen. Generell markiert „Überkonsum“ ein augenfälliges Motiv Mocklers – eine Metapher: Ungesunde (aber leckere) Speisen sowie substanzarme (nichtsdestotrotz mit einem unleugbaren, wenn auch flüchtigen Unterhaltungswert aufwartende) mediale Inhalte…

Kiya lädt das Video hoch, welches ihr prompt weitere Aufmerksamkeit beschert. Wie könnte sie das nun fortführen, steigern? Nachdem sie in seinem Zimmer eine echte Pistole findet, kidnapped sie Marshall erst einmal – wobei seine Gegenwehr nicht sonderlich kräftig ist: Für ihn stellt diese Situation quasi das Aufregendste dar, was ihm je widerfahren ist. Auf die Frage hin, warum er wohlwissentlich mit einer Minderjährigen Sex haben wollte, antwortet er, dass die „Entwicklung und Reife“ eines Mädchens hin zu einer Frau je nach Person variieren würde und nicht anhand eines „einheitlichen Alters“ bestimmt werden könnte. Außerdem hätte er es mit Sicherheit in Nachhinein bereut, wenn er nicht auf das „Angebot“ eingegangen wäre. Seine Ehrlichkeit beeindruckt Kiya – und endlich hat sie jemanden (zumindest temporär), mit dem sie reden kann. Bislang waren ihre Verbrechen noch nicht die gravierendsten – bloß jetzt fordern sie einige Kommentare dazu auf, Marshall zu erschießen. Für jene reicht es nicht aus, dass er beinahe erstickt wäre – sie wollen ihn tot bzw. sterben sehen. Während Kiya durchaus in Erwägung zieht, diese Fraktion ihrer „Follower“ mit einem „Snuff-Film“ zufrieden zu stellen, verlebt sie indes eine interessante, Drogen und Reflexionen mit einschließende Zeit mit ihm. Mit jedem Tag ohne einem neuen Clip wächst der „Druck“ auf sie jedoch zunehmend an…

„Like Me“ wartet mit keinen allzu komplexen Charakter-Zeichnungen auf. Über Kiya erhält der Zuschauer weder eine ihr Aufwachsen (z.B. im Hinblick auf ihre Familie oder prägende Geschehnisse in ihrer Kindheit Schrägstrich Jugend) noch eine ihre „Online-Fixierung“ tiefgründiger beleuchtende Backstory geboten. Obgleich sie sich „nach außen hin“ selbstsicher gibt, wird einem ihre „Verletzbarkeit“ regelmäßig gewahr. Sie ist hübsch und nicht unsympathisch – hat aber kein „festes Zuhause“, keine Nahestehenden und sucht „Validierung“ via Unbekannter im Internet. Addison Timlin („Odd Thomas“) portraitiert sie absolut überzeugend – ebenso wie Larry Fessenden („You´re Next“) ihr „Opfer“ Marshall, welchem er u.a. das nötige Maß an „Schwermut“ verleiht. Auch ihm mangelt es an sozialen Kontakten – und in Kiya´s Gewalt schwankt er kontinuierlich zwischen Neugier, Gleichgültigkeit und Resignation. Beide sind sie „einsame Seelen“ – aber ist das tatsächlich so etwas wie eine Freundschaft, die sich da anbahnt, oder eher eine Taktik (vielleicht gar eine Art „Stockholm-Syndrom“) Marshalls? Neben den zwei hervorragenden Leads erfüllen Jeremy Gardner („Spring“) als Freddie sowie Ian Nelson („the Boy next Door“) als garstig-heuchlerischer „Troll“ Burt die „Zwecke“ ihrer Parts jeweils rundum prima…

Auf visueller Ebene haben Mockler und sein Cinematographer James Siewert („the Ranger“) Inspirationen aus den betreffenden „Konsum-Gewohnheiten der YouTube-Generation“ sowie von markanten Veröffentlichungen á la Věra Chytilová´s „Daisies“, Oliver Stone´s „Natural Born Killers“ und Darren Aronofsky´s „Requiem for a Dream“ bezogen. Diverse Stilmittel – unter ihnen Großaufnahmen, Verzerrungen, intensive Farbgebungen, wechselnde Abspiel-Geschwindigkeiten, Freeze-Frames und selbst punktuell integrierte Animations-Sequenzen – wurden verwendet, um ein optisch betörendes Ergebnis sowie eine angepasste Veranschaulichung der „aufgewühlten Psyche“ Kiyas zu kreieren. In gemeinsamer Wirkung mit der Editing-Arbeit Mocklers und Jessalyn Abbotts sowie dem „klangvoll-hypnotischen“ Score Giona Ostinellis („Carnage Park“) entstand so ein wahres „Fest für die Sinne“ – reich an surrealen Images und „halluzinogen Passagen“, welche Elemente wie einen sich aus einer Wunde herausschlängelnden Aal sowie eine Anordnung statisches Rauschen zeigender, plötzlich anstelle eines Lagerfeuers erscheinender TV-Geräte umfassen. Folglich kann es durchaus sein, dass das Ganze für manch einen im Publikum (von der ersten „Rapid-Fire-Montage“ nach wenigen Minuten aus an) ein Stück weit „zu avantgarde“ anmutet…

Egal ob Kiya ihren Kopf an eine flackernde Mattscheibe presst, Yoga-Posen einnimmt, eine Überführung passiert, sich im Bad eines Restaurants im Spiegel mustert, Arcade-Shooter-Games spielt oder nachts am Strand bei einer Reihe Palmen sitzend hinaus aufs Meer blickt: Einfach alles ist höchst ansprechend anzusehen. Kiya orientiert sich stärker an der virtuellen als an der echten Welt – und in übertragener Weise ist Mockler´s Inszenierung ähnlich, da er die Geschichte nicht nüchtern-realistisch, sondern bewusst „künstlerisch“ erzählt bzw. darbietet. Daher gibt es auch keine polizeilichen Untersuchungen oder vordergründige Kritik: Er „urteilt“ nicht über Kiya. Menschen wie sie, die sich dazu hingeben, für ein paar „Clicks“ erniedrigende oder verletzende Dinge zu tun, sich zu verstellen und sich im Zuge dessen einer mitunter enormen „Belastung“ auszusetzen, gibt es zuhauf, wie wir ja wissen – ebenso wie all die „auf der anderen Seite des Bildschirms“, welche gaffen, mitlesen, bewundern, beleidigen, fordern, provozieren und sich nicht selten daran erfreuen, jemanden „zerbrechen“ zu sehen. Der Film endet an einem nebeligen Künsten-Abschnitt mit der emotionalen Reaktion Kiyas in Anbetracht ihrer bis dato „heftigsten“ Tat: Ist es für sie nun „zu spät“? Wird sie daraus lernen – oder weiter diesen „Pfad“ beschreiten, der nächsten „Steigerung“ entgegen...?

Fazit:  Mit „Like Me“ ist Robert Mockler ein kreativ-ambitioniertes Debüt-Werk gelungen – eine schicke, bizarre, gleichermaßen neon-bunte wie düstere Kombination aus einem schrägen Crime-Thriller, einer ernsten Zeitgeist-Satire und einem abgründigen Psycho-Drama…

starke
7 Narrenkappen


« Letzte Änderung: 16. Juli 2018 um 18:27 von StS » Gespeichert

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