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Autor Thema: Brimstone  (Gelesen 413 mal)
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StS
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Obsessed with the "mess" that's America


« am: 14. Mai 2017 um 19:29 »



Entstehungsdaten:
Holland-Frankreich-Deutschland-Belgien-Schweden-GB-USA 2016

Regie:
Martin Koolhoven

Darsteller:
Dakota Fanning
Guy Pierce
Carice van Houten
Emilia Jones
Kit Harington
William Houston

Trailer


„Brimstone“ (2016) ist ein unkommerzielles, grausam-düster-kühles europäisches Western-Drama, das von Regisseur und Drehbuchautor Martin Koolhoven („Oorlogswinter“) mit einer achtbaren internationalen Cast&Crew in mehreren treffend ausgewählten Regionen eben jenes fernab des eigentlichen Schauplatzes gelegenen Kontinents gedreht wurde: Ein über 140 Minuten langes, kompromissarm realisiertes „Passionsprojekt“ seines Schöpfers, der u.a. sein eigenes Geld in das Werk investierte und daraus eine Co-Produktion mehrerer Länder machte, nachdem er das Angebot eines amerikanischen Studios ablehnte, welches ihm den „Final Cut“ nicht klar zuzusagen bereit war. Im Stile Lars von Triers wird dem geneigten Betrachter eine in den USA des 20. Jahrhunderts angesiedelte, in vier (die Titel Revelation, Exodus, Genesis und Retribution tragende) Kapitel untergliederte „Leidensgeschichte“ präsentiert, in der es vor allem um Religion, deren Auslegung, physische wie psychische Gewalt gegen Frauen (und Kinder) sowie um die individuelle Stärke einzelner im Angesicht männlicher Tyrannei geht…

Im ersten Akt lernen wir Liz (Dakota Fanning) kennen – eine stumme, gemeinsam mit ihrem deutlich älteren Gemahl (William Houston) und dessen zwei Kinder aus vorheriger Ehe auf einer Farm in einem entlegenen Dorf lebende Hebamme. Die Zeiten sind hart – doch sie ist zufrieden mit ihrer Existenz und Profession. Eines Tages kommt dann aber ein nur „the Reverend“ genannter, vernarbter, arg streng auftretender Pastor (Guy Pierce) in den Ort – was Liz sogleich in Angst versetzt. Als eine von ihr begleitete Geburt misslingt, bei der sie sich zwischen dem Baby oder der Mutter „entscheiden“ muss, nehmen ihr das die Einwohner im Nachhinein übel: Meiden sie fortan und bedrohen sie sogar – denn so etwas „stehe allein bloß Gott zu“. Ihre wahre Furcht gilt indes dem Reverend, der ihre Familie eines Nachts „in sinisterer Absicht“ aufsucht, ihren Gatten kurzerhand tödlich verletzt, Feuer im Haus legt sowie sie und die Kinder Sam (Ivy George) und Matthew (Jack Hollington) im Zuge dessen zur überhasteten Flucht zwingt…

Re-chronologisch führen uns die nächsten beiden Film-Segmente in Liz´s Jugend zurück, in der sie unter dem Namen Joanna (Emilia Jones) im Hause ihrer Eltern aufwuchs: Spätestens jetzt offenbart sich, dass der Reverend (noch ohne die Narben, aber bereits fehlgeleitet-fanatisch) ihr Vater ist – und er ihre Mutter Anna (Carice van Houten) mit aller Macht zu unterdrücken versucht, u.a. da jener mit Schrecken gewahr geworden ist, was genau er seiner Tochter eigentlich anzutun vorhat. Eine Kette von Umständen mündet schließlich darin, dass Joanna (auf sich allein gestellt) in einem Saloon Schrägstrich Bordell etliche Meilen entfernt landet und dort zu einer jungen, durchaus selbstbewussten Frau heranwächst. Mit einer ihrer „Kolleginnen“ (Carla Juri) geht sie dabei eine Freundschaft ein: Ihr geteiltes Schicksal „verbindet und stützt“ sie gegenseitig. Pläne für eine Zukunft fernab des Etablissements werden erträumt bzw. geschmiedet – doch einfach alles ändert sich in dem Moment erneut, als der Reverend Joanna nach all den Jahren tatsächlich noch aufzuspüren vermag…

„Brimstone“ ist eine Veröffentlichung, die einen aufgrund ihrer Lauflänge, ihres ruhigen Tempos und ihres beklemmenden Inhalts geradezu ein Stück weit „auslaugt“. Der „Wilde Westen“ wird überaus zehrend, mit nur wenigen wirklich glücklichen Augenblicken für die Menschen aufwartend portraitiert, aus deren Reihen sich die meisten fernab der Heimat eine neue, bessere, friedliche Existenz aufbauen wollen – was selbst mit einschließt, möglichst nur noch Englisch zu sprechen, um „das Alte“ auch in der Hinsicht hinter sich zu lassen. Einen gewichtigen Faktor markiert die Religion – weshalb der mit einer hohen Intensität über Dinge wie „Gottes Wille“, „Sünden“ und „die Hölle“ predigende Reverend einen derartigen Einfluss besitzt. In diesem Kontext nimmt die Auslegung der Bibel eine zentrale Bedeutung ein – denn so werden u.a. diverse „niederhaltende“ Handlungen gegen Frauen gerechtfertigt, ebenso wie die sexuellen Begierden des Reverends gegenüber seiner eigenen Tochter, welche jüngst erst zu menstruieren begann und die er nun bald selbst zu ehelichen gedenkt…

Der Australier Guy Pierce („Memento“) verkörpert den sadistischen, manipulativ-heuchlerischen, stets unheilschwanger-ruhig auftretenden Antagonisten mit einer einschüchternden Ausstrahlung und einem „groben“ holländischen Akzent: Fraglos eine gute, effektive Performance, die allerdings darunter leidet, dass ihm die Vorlage des Öfteren bloß klischeehaftes Material geboten hat – etwa im Bereich der Dialoge und einiger seiner Gebaren (bspw. warnt er an einer Stelle vor „falschen Propheten“ und „Wölfen in Schafskleidung“ – nur um gegen Ende dann selbst wie ein solches Tier zu heulen, um Liz zu verängstigen). Generell sucht man Subtilität vergebens: Die Rollentypen „Opfer“ und „Täter“ sind fast durchgehend nach Geschlechtern getrennt, Kunden und Angestellte des Bordells, in dem Joanna zu arbeiten gezwungen wird, bedienen althergebrachte Klischees – und im Rahmen des Showdowns „unterstreichen“ noch einmal Flammen die „teuflische Natur“ des Reverends. Ein Verzicht auf die Einbindung solch platter Symbolik wäre zu wünschen gewesen…

Wo sich Koolhoven ebenfalls nicht zurückgehalten hat, ist bei der Darstellung von Grausam- und Abscheulichkeiten: Angefangen bei ausgeweideten Schafen, einem toten Neugeborenen und einem mit einer Bolzenpistole erlegten Schwein … über ein erschossenes Kind, erstochene und erhängte Erwachsene sowie einen mit seinen eigenen Gedärmen erdrosselten Herrn … bis hin zu Periodenblut, Vergewaltigungen, Pädophilie und Inzest erstreckt sich die zugehörende Bandbreite. Am schlimmsten trifft es die Frauen, welche regelmäßig beschimpft, unterdrückt, missbraucht und geschlagen werden – worüber hinaus es überdies noch Auspeitschungen und Hinrichtungen gibt, ergänzt um zwei herausgeschnittene Zungen, Suizide sowie eine das Widersprechen verhindern sollende eiserne Maske. Das Ganze ist ungemütlich anzusehen – verliert dank der schieren Fülle an leiblichen und seelischen Brutalitäten auf Dauer jedoch an Wirkung. Und nein, trotz allem ist der Film keineswegs misogyn – schließlich zeichnet er ein klares Bild einer starken Frau im Angesicht männlicher Tyrannei…

Wie von ihr gewohnt, liefert Dakota Fanning („Night Moves“) als traumatisierte, aber niemals aufgebende Liz einmal mehr eine feine, kraftvolle Darbietung ab: Mindestens die Hälfte ihrer Screen-Time über stumm, weist sie punktuell einen dieser an „Rehe im Scheinwerferlicht“ erinnernden Blicke auf – doch ihre Mimik und Körpersprache meistert sie perfekt, was sie den fordernden Part umfassend gerecht werden lässt. Als Joanna – also Liz in ihrer Jugend – überzeugt Emilia Jones („High-Rise“) ähnlich prächtig – während die Mutter-Figur Carice van Houtens („Incarnate“) eine „tiefere Auslotung“ verdient hätte und Kit Harington („Pompeii“) in einer Nebenrolle als ein Verletzter auftritt, dem Joanna in der Familienscheune heimlich Unterschlupf gewährt und der sich im Gegenzug nobel für sie einzusetzen versucht. Des Weiteren sind u.a. noch William Houston („Dracula Untold“), Paul Anderson („the Revenant“), Carla Juri („Feuchtgebiete“), Bill Tangradi („Free State of Jones“), Vera Vitali („Blind“) und Adrian Sparks („the Purge: Anarchy“) mit von der Partie…

„Brimstone“ offeriert dem Publikum diverse atmosphärisch-schöne Landschaftsaufnahmen, bei denen verschiedene Locations in Österreich, Ungarn, Spanien und Deutschland glaubhaft die Vereinigten Staaten „doubelten“. Zudem kann sich Rogier Stoffers' („Branded“) einige schicke „God´s-Eye-View“-Perspektiven zur Schau stellende Kamera-Arbeit sehen lassen und untermalt der Score Junkie XLs („Spectral“) die Geschehnisse stimmig, ohne dabei unvorteilhaft „aufdringlich“ zu erklingen. Die gewählte Story-Struktur funktioniert indes prima – vermag allerdings nicht zu kaschieren, dass die Geschichte an sich weder sonderlich origineller noch komplexer Natur ist. Insgesamt hätte eine Straffung des Verlaufs (vielleicht so um rund 15 bis 20 Minuten) sicher nicht geschadet – doch es ist evident, dass Koolhoven das Werk genau nach seinen Wünschen erschaffen hat: Ein sperriges, unbehagliches Western-Drama u.a. über Religion, Erniedrigung und Beherztheit, das schlussendlich in einem bitteren, nichtsdestotrotz „Hoffnung für die Zukunft“ vermittelnden Ausklang mündet…

knappe
6 Narrenkappen

« Letzte Änderung: 15. Mai 2017 um 18:12 von StS » Gespeichert

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