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Autor Thema: Das Millionenspiel  (Gelesen 6565 mal)
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gelini71
Syncro Schauer
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Keine Angst - ich bin es nur


« am: 20. Juli 2009 um 20:34 »


Originaltitel: Das Millionenspiel
BRD 1970
Regie: Tom Toelle
Drehbuch: Wolfgang Menge (basierend auf der Kurzgeschichte „Der Tod spielt mit“ von Robert Sheckley)
Darsteller: Jörg Pleva („Bernhard Lotz“) , Dieter Thomas Heck („Thilo Uhlenhorst“) , Dieter Hallervorden („Köhler“) , Heribert Faßbender (Namentlich nicht genannter Reporter) , Friedrich Schütter („Moulian“) u.v.a.m.
Laufzeit: circa 95 Minuten
FSK: ab 12 Jahren


Handlung
Im Jahr 1973 sendet der Deutsche TV Sender TETV die 15. Ausgabe des „Millionenspiels“. In diesem Spiel wird ein Freiwilliger 7 Tage lang von einem Killerkommando durch Deutschland gejagt. Gelingt es ihm 7 Tage zu überleben gewinnt er eine Million DM. Das Fernsehen ist mit Kamerateams immer live dabei & die Macher der Sendung scheuen sich nicht davor auch mal helfend einzugreifen , den Teilnehmer der 15. Ausgabe Bernhard Lotz am Leben zu halten damit er es bis zum Showdown im Studio schafft – denn wenn er früher stirbt (womöglich sogar ohne das eine Kamera dabei ist) fällt die Quote. Aber auch das Fernsehpublikum arbeitet aktiv mit – entweder helfen diese Lotz aus der Patsche oder sie denunzieren ihm bei den Killern.
Lotz ist nach 7 Tagen Jagd mit seinen Kräften komplett am Ende – kein Schlaf , kaum Nahrung & immer auf der Flucht – wird er es schaffen die eine Million zu gewinnen ?

Kritik
Im Herbst des Jahres 1970 sendete die ARD das erste mal das Fernsehspiel „Das Millionenspiel“ & schrieb damit Deutsche TV Geschichte. Zunächst einmal damit das die ARD bzw Drehbuchautor Wolfgang Menge (später berühmt geworden durch seine TV Serie „Ein Herz & eine Seele“) es schlichtweg vergessen hatten sich die Filmrechte an der zugrunde liegende Kurzgeschichte von Robert Scheckley zu sichern – was zur Folge hatte das der Film nach einer zweiten TV Auswertung für über 30 Jahre im Giftschrank der ARD wanderte & nicht einmal mehr in Ausschnitten gesendet werden durfte. Da es ja zum damaligen Zeitpunkt keine Videoaufzeichnungen von Privatleuten gab wurde der Film zum Mythos. Erst im Jahre 2002 war der Jahrzehnte lange Rechtsstreit beigelegt worden & der Film durfte endlich wieder gesendet & jetzt sogar auf DVD veröffentlicht werden.

Der zweite Skandal war das viele Zuschauer & Kritiker der Meinung waren das man mit dem hier gezeigten zu weit gegangen ist & das das gesamte Szenario komplett Utopisch sei. Privatfernsehen gab es noch nicht & das normale TV Programm beschränkte sich auf zwei Programme die sogar nur Stundenweise sendeten. Unterhaltung im TV war zur damaligen Zeit unglaublich bieder – da musste ein solch moderner Film wie „Das Millionenspiel“ natürlich schockieren.

Sieht man den Film heute mit einen Abstand von fast 40 Jahren fällt es richtig auf , das dieser Film seiner Zeit weit voraus war & immer noch brandaktuell ist – wir befinden uns schon fast an der Schwelle zu solch einem extremen TV Programm. Heute gibt es bereits Formate wie „Big Brother“ wo Kameras 24 Stunden lang Menschen beobachten. In Docu Soaps breiten Menschen ihr Privatleben in aller Öffentlichkeit aus. In den unzähligen Castingshows werden aus Normalbürgern für kurze Zeit zu Stars – somit ist der Schritt zu einer Show , wo ein normaler Bürger (wenn auch freiwillig) von einem Killerkommando gehetzt wird gar nicht mehr weit.


Das ganze wird in diesem Film so echt gezeigt , das viele Zuschauer tatsächlich dachten das ganze gäbe es wirklich. Nach der Ausstrahlung bekam die ARD Bewerbungen von Zuschauern die beim Millionenspiel mitmachen wollten – obwohl es neben der Chance eine Million DM zu gewinnen es durchaus sein konnte das man erschossen wird. Das wurde wohl tatsächlich von vielen in Kauf genommen. Dabei gibt es die ganze Zeit Hinweise das es sich nicht um eine reale Fernsehsendung handelt – so spricht die Ansagerin (kein bekanntes Gesicht & unüblicherweise ohne Sendelogo im Hintergrund) am Anfang vom Jahre 1973 (also vom Erstausstrahlungszeitraum noch 3 Jahre entfernt) , es ist immer wieder das Logo des fiktiven Senders TETV im Bild , es gibt immer wieder Werbeunterbrechungen (damals komplett unbekannt) & tatsächlich wäre es im Jahre 1970 technisch eher unmöglich gewesen einen Flüchtenden immer wieder mit der Kamera Live zu verfolgen. Es spricht also für die Inszenierung des Films das dem Zuschauer diese Hinweise nicht auffallen & man es tatsächlich für bare Münze nimmt. Zudem gab es damals keine sonst übliche Ansage am Anfang zum Film sondern nur die erwähnte Fake Ansage , womit der Eindruck des realen noch verstärkt wurde.

Während der Thematisch gleiche Film „Running Man“ in einer fernen Zukunft spielt & somit für den Zuschauer eine gewisse Distanz aufbauen kann , ist „Das Millionenspiel“ in der (damaligen) Gegenwart in Deutschland angesiedelt & wirkt auch dadurch erschreckend real. Verstärkt wird das ganze durch den Moderator der Show Thilo Uhlenhorst , der von Dieter Thomas Heck genial gespielt wird. Heck war zum damaligen Zeitpunkt einer der beliebtesten Showmaster im Deutschen Fernsehen & sein Rollenname wird nur einmal ganz zum Schluß erwähnt. Da Heck seine Figur Uhlenhorst spielt wie Heck als Showmaster wirklich ist dachten viele wohl tatsächlich es handelt sich hier um eine wirkliche Show – es gibt ja auch wie damals üblich ein Showprogramm mit Tanz & Musik.
Dieter Thomas Heck bleibt während der gesamten Laufzeit komplett Glaubwürdig wie er mit leeren Phrasen versucht das Publikum Stimmungsmäßig in eine bestimmte Richtung zu lenken , er dreht seinen Talkgästen öfters das Wort im Munde rum damit es in den Kontext der Show passt – kurzum der perfekte Showmoderator mit allen Attributen die man sich vorstellen kann.

Neben Dieter Thomas Heck fällt in der Besetzungsliste ein Name ganz besonders auf – der von Dieter Hallervorden. Der war zum damaligen Zeitpunkt noch unbekannt in Deutschland & sollte erst Jahre später als Kabarettist berühmt werden. Er spielt den Chef der Killerbande Köhler komplett Humorlos & wirklich böse gut – keine Spur von Comedy wie Jahre später bei Hallervorden üblich.
Auch Jörg Pleva als Opfer Lotz ist richtig gut – einem Mann , dem man die Angst & Hetze wirklich im Gesicht ansieht. Man glaubt ihm wirklich das er seit Tagen ohne Schlaf & mit fast nix zu Essen auf der Flucht ist.


„Das Millionenspiel“ hat auch nach knapp 40 Jahren nix von seiner Kraft eingebüßt. Hier stimmt einfach alles: Das Drehbuch ist spannend & durchdacht  & hält für den Zuschauer so manchen lustigen Einfall bereit (u.a. die erwähnten fiktiven Werbespots) , alle Darsteller spielen ihre Rollen glaubhaft & gut , die Inszenierung ist straff , spannend & rasant (Lob auch an die Filmmusik von Can Musiker Irmin Schmidt – das Psychedelische Titelthema ist ein Ohrwurm). Ohne zu übertreiben kann man hier von einem Highlight sprechen.
Damals ein TV Skandal der als Utopie abgetan wurde – heute durchaus fast reale Verhältnisse in der Deutschen TV Landschaft. Wie sich die Zeiten ändern.

Fazit
Kaum zu glauben das ein TV Film so gut sein kann. „Das Millionenspiel“ ist auch heute noch ein sehr sehenswerter Thriller mit einem gehörigen Schuß Kritik an neuen Medien & deren Unterhaltungsform (Stichwort: Reality TV) sowie der Verbindung von Interessen der Privatwirtschaft im Privatfernsehen (heftiges Sponsoring einer Firma in den Webespots). Im Jahr 1970 seiner Zeit um Jahre voraus ist dieser Film auch heute noch von erschreckender Aktualität. Ob es jemals soweit kommen wird das ein Killerkommando einen Bürger hetzten wird ist wohl tatsächlich nur eine Frage der Zeit – ein sehr sehenswerter Film , spannend inszeniert & mit starken Darstellern. Im Gegensatz zum bekannteren „Running Man“ setzt „Das Millionenspiel“ nicht auf Vodergründige Action sondern erzählt seine Geschichte vollkommen Glaubwürdig & Nachvollziehbar – auf Action & Spannung muß der Zuschauer aber auch hier nicht verzichten.
Ein must-seen Film der einem im Gedächtnis bleibt.
10 Narrenkappen  

Die DVD – die technischen Details
Menü
Menü nur Standbild mit Musik.

Bild
Bild im damals üblichen Originalformat 4:3 Format mit guter Schärfe & Farben aber auch etwas Rauschen.
7 Narrenkappen

Ton
Ton natürlich nur im damaligen TV Standart Mono & in etwas schlechter Qualität – manchmal klingt es etwas blechern & öfters knackt es. Geht aber technisch für das was es ist in Ordnung.
5 Narrenkappen

Extras
Beim Bonusmaterial gibt es einen langweiligen Audiokommentar mit Jörg Pleva & Hanns-Georg Rodek , eine Dokumentation über Wolfgang Menge sowie ein neues (aber ebenfalls langweiliges) Interview mit Menge - warum dafür eine Bonus DVD benutzt wurde wissen wohl nur die Macher. Des weiteren gibt es eine dritte DVD mit dem Bonusfilm „Smog“ von Wolfgang Petersen , bei dem Wolfgang Menge das Drehbuch geschrieben hat.
Theoretisch wäre mehr drin gewesen - u.a. existiert eine ARD Dokumentation über die damalige Sperre des Films die sehr gut mit auf diese DVD gepaßt hätte.
4 Narrenkappen

Die DVD von ARD Video ist FSK 12 & uncut. Verpackt sind die drei DVDs in zwei Digipacks mit Booklet & Schuber.

Bonusfilm „Smog“
Dieser Film ist eine Mischung aus Spielszenen sowie (natürlich gefakten) Reportagen über einen Smog Alarm im Ruhrgebiet. 1973 noch als Utopie verteufelt gab es nur 6 Jahre später tatsächlich im Ruhrgebiet diesen Smog Alarm.
Der Film stammt noch aus einer Zeit als das Thema Umweltschutz noch nicht mal in den Kinderschuhen sondern noch im Strampelanzug steckte. Vieles hat sich natürlich in der Zwischenzeit gebessert & einiges ist bereits überholt - als Zeitdokument ist diese frühe Wolfgang Petersen Arbeit aber immer noch sehenswert.
Ein guter Bonusfilm , Bild ist aber verdammt unscharf.
7 Narrenkappen
Der Brüller sind natürlich einige Dialoge – so z.B.
Reporter: „Haben Sie kein schlechtes Gewissen das sie bei Smogalarm Auto fahren ?“
Fahrer: „Nein – ich fahre Diesel , das ist nicht so schlimm.“  Lautes Lachen  

Nützliche links
ofdb Eintrag
Wikipedia Eintrag

Erstveröffentlichung der Review bei Liquid Love , Review wurde lediglich neu angepaßt
Screenshoots von amazon
« Letzte Änderung: 21. Juli 2009 um 06:24 von gelini71 » Gespeichert
Sir Khan
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« Antwort #1 am: 20. Juli 2009 um 21:51 »

Sehr schönes Review zu einem Film, der mich auch positiv überrascht hat. Von mir gibt es eine  8 Narrenkappen
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dÆmonicus
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Dragon


« Antwort #2 am: 20. Juli 2009 um 21:55 »

Hatte ich ganz übersehen, danke fürs reviewen.
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Kenix
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« Antwort #3 am: 20. Juli 2009 um 22:00 »

Würde auch eine  8 Narrenkappen zücken, habe aber nie ein gewisses Grinsen vom Gesicht wischen können, und fand auch gerade Killer und Opfer immer ein wenig zu sehr Seventies. Genauso wie Running Man absolut Trash Eighties ist und man sich da sicherlich auch nicht die Fingernägel aus Angst um Arnie abknabbert. Mittlerweile ist der Film eher interessant als wirklich gut, wobei der Mythos durch das jahrelange Verschwinden aufgrund des Rechtestreites sicher noch angehoben wurde. Der Autor heißt übrigens Sheckley und ist bei SciFi - Groteske grundsätzlich zu empfehlen, wobei die Geschichte selber glaube nicht so der Brüller war.

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gelini71
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« Antwort #4 am: 21. Juli 2009 um 06:25 »

Der Autor heißt übrigens Sheckley
Ist geändert - Danke (Blöde Tippfehler)
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gelini71
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« Antwort #5 am: 13. Mai 2010 um 08:41 »

Sehr guter Artikel über den Film bei Spiegel Online
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wolfman
Xiao Pang
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Server-Dude!!!


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« Antwort #6 am: 23. Oktober 2010 um 07:47 »

So, die Tage nun auch endlich gesehen! Faszinierend wie aktuell doch ein 40 Jahre alter TV-Film sein kann.
Jetzt erst mal ein "Quell Monte Carlo"! Lautes Lachen

8 Narrenkappen
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