NarrenTalk - Der DVDnarr.com Podcast
DVDnarr.com   
Home Forum NarrenTalk (Podcast) Fotogalerie Amazon.de
Suche Hilfe
Registrieren
Benutzername:   Passwort:
Passwort vergessen?
Seiten: [1]   Nach unten
  Sende dieses Thema  |  Drucken  
Autor Thema: Das Schweigen (Ingmar Bergman Edition)  (Gelesen 6127 mal)
0 Mitgliedern und 1 Gast betrachten dieses Thema.
Vince
Steelbook
*
Offline Offline

Beiträge: 4.348


Debakelvince


« am: 17. Oktober 2007 um 18:10 »

Das Schweigen (Ingmar Bergman Edition)
Originaltitel: Tystnaden
Herstellungsland: Schweden
Erscheinungsjahr: 1963
Regie: Ingmar Bergman
Darsteller: Ingrid Thulin, Gunnel Lindblom, Birger Malmsten, Håkan Jahnberg, Jörgen Lindström, Lissi Alandh, Karl-Arne Bergman, Leif Forstenberg, Eduardo Gutiérrez, Eskil Kalling, Birger Lensander, Kristina Olausson
 


Technische Daten
Vertrieb: Arthaus
Regionalcode: 2
Laufzeit: 91:19 Min.
Bildformat: 1,33:1
Sprachen: DD 1.0 Mono Deutsch, Schwedisch
Untertitel: Deutsch
Freigabe: FSK 16
Verpackung: Slim Keep Case

Film
Es schien zunächst so, als sei der erste Satz nach gut acht Minuten gefallen. Ein perlokutionärer Akt, indem etwas gesagt wird und etwas anderes damit gemeint wird. Bei einem zweiten Durchlauf fiel gleich auf, dass mitnichten erst nach acht Minuten gesprochen wird. Schon von der ersten Minute an fallen immer wieder einzelne, kurze Sätze, oft nicht mehr als drei Wörter auf einmal. Stets beobachtende Fragestellungen des kleinen Johan, beantwortet durch die mutmaßliche Mutter des Jungen, die einfach nur kurzfristig dessen Neugierde stillen will, um wieder in Ruhe ins Leere zu starren.

Eine deutsche Synchronisation, die zynischerweise überhaupt keine Existenzberechtigung besitzt. Die Dialoge nehmen einen derart geringen, viel wichtiger aber noch: bedeutungslosen Platz ein, dass man oft sogar vergisst, welcher Sprache man zuhört.

“Das Schweigen” ist die Analyse einer soziologischen Triade, unbestimmt definiert durch eine Mutter (Gunnel Lindblom als Anna), deren Sohn (Jörgen Lindström als Johan) und deren Schwester (Ingrid Thulin als Ester)  - ohne dass diese genetische Zuordnung jemals verifiziert werden würde. Ingmar Bergman lässt keine ergebnisverfremdenden Umwelteinflüsse zu, er verfrachtet die drei Menschen in ein totales Isotop. Das Hotel ist alt, riesig und fast unbewohnt; der verwirrte Kellner und die Liliputanertruppe sind surreal, entfremdet von der Wirklichkeit, zählen nicht als Kontakt nach außen. Nicht einmal der Blick aus dem Fenster birgt eine natürliche Distanz, die zeigen würde, wo die Isolation beginnt und wo sie aufhört, oder wie man sie vielleicht durchbrechen könnte. Schaut Ester aus dem Fenster, sieht sie einen Panzer, der mitten in der Nacht durch die menschenleere Straße kreuzt und dabei Pausen einlegt, als gälte es, sich neu zu orientieren. Wir sind mit Ester, Anna und Johan allein und die Geschichte wird über ihre schweigenden Gesichter erzählt, gnadenlos eingefangen in jeder noch so privaten Situation.




Dynamik lässt Bergman dadurch entstehen, dass Ester wesentlich stärker distanziert ist als ihre beiden Begleiter. Während sie alle miteinander im Geiste gleichermaßen unfrei sind - die Geschwister aufgrund des Lebens, das sie gelebt haben, der Junge aufgrund des Lebens, das er noch nicht gelebt hat - ist Ester durch ihre Krankheit zudem noch physisch eingeschränkt. An ihr Bett gefesselt, in ihrem Zimmer gefangen. Ist der Junge immerhin noch in der Lage, das einsame Hotel zu erkunden und bastelt sich dank seiner Fantasie ein Wunderland wie Alice, gelingt es Anna sogar, wieder am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Es wird nicht gezeigt, wie; sie hat plötzlich einfach die Barriere nach draußen durchbrochen und ist unter Menschen. In der letzten Reihe eines Kinos hat sie ein bizarres Erlebnis, wird Zeuge eines sexuellen Akts, der nun auch endlich in ihr ausbricht, zuvor angedeutet durch partielle Nacktheit im Hotelzimmer beim Baden und im Bett. Die Reinkarnation ihrer neu gelebten Sexualität wird im folgenden als Waffe verwendet, um sich von Ester zu distanzieren; ein dankbares Opfer, das sowieso schon am Boden liegt.

Das Schweigen der Charaktere lässt uns teilhaben an ihrem Innenleben. Die Kunst der Sprache wird fast komplett ausgelassen, um dem an Dialogsemantik gewöhnten Zuschauer die Augen zu öffnen für die Ursache der Worthülsen: das Innenleben der Menschen. Wie kein anderer Regisseur stellt Bergman den Menschen als hochkomplexes Wesen dar, dessen emotionale Stabilität empfindlichst von äußeren Einflüssen mitbestimmt ist, die auch durch die soziale Umwelt, also unsereins, geprägt wird. Insbesondere das facettenreiche Spiel Ingrid Thulins falsifiziert das cineastische Bild vom durch logische Impulse angetriebenen Menschen, der sich den Wünschen des Drehbuchautoren und den Rahmenbedingungen seines Plots unterwirft. Die Figur der Ester kann im vorliegenden Rahmen eine fürsorgliche Ersatzmutter sein (oder möglicherweise auch die einstmals entmachtete richtige Mutter), im nächsten Moment jedoch ein missgünstiger Succubus, den Kopf verdrehend und die Zähne fletschend. Ursache sind neben den physischen Faktoren, der Tatsache, dass sie an ihr Zimmer gebunden ist, fast immer die Handlungsmuster der Anna, die ihr Verhalten wiederum im Unterbewusstsein vom Verhalten ihrer Schwester abhängig macht. Eine destruktive Symbiose führt in einen Teufelskreis.




Die gegenseitige Fokussierung aufeinander wirkt sich wiederum auf den kleinen Johan aus. “Man kann nicht nicht kommunizieren”, heißt es beim Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick. Mutter und Sohn nehmen sich gegenseitig wahr, das sagen ihre Gesichter überdeutlich aus; doch die Vernachlässigung des Sohnes muss ihn zu dem Schluss führen, ignoriert zu werden. Der Kellner, der nur wirres Zeug spricht, und die Kleinwüchsigen, die nur Unsinn im Kopf haben, sind der letzte Rettungsanker für Johan, der hier die Rückkopplung findet, die er bei den Menschen, zu denen er gehört, nicht bekommt.

“Das Schweigen” ist die tragische Geschichte von Missgunst und falschen Schlüssen, ausgelöst durch fehlenden Diskurs, was veranschaulicht, wie notwendig die offene Kommunikation für ein gesundes soziales Gefüge ist. Dass sich Ester und Anna im Grunde gegenseitig durchschauen, ist belanglos, solange das Gegenüber nicht direkt mit dem Wahrgenommenen konfrontiert wird. Als Ester, die Gebildete der beiden Schwestern, endlich die Wahrheit ausspricht, ist es längst zu spät. Ingmar Bergman gelingt es, das Handeln seiner Figuren als weitgehend irrationale Kette von Schlussfolgerungen zu entlarven, die sich im Ergebnis keineswegs immer mit dem deckt, was in der jeweiligen Situation immer “das Beste” für alle Beteiligten wäre. Damit gelingt ihm ein verblüffend exaktes Portrait vom Wesen des Menschen - eingefangen fast gänzlich über die Mimik ihrer Gesichter. Ein Symptom für das Innenleben, das nicht lügen kann, wenn man einmal gelernt hat, darin zu lesen.
 9 Narrenkappen
« Letzte Änderung: 17. Oktober 2007 um 18:12 von Vince » Gespeichert
Vince
Steelbook
*
Offline Offline

Beiträge: 4.348


Debakelvince


« Antwort #1 am: 17. Oktober 2007 um 18:11 »

Bild
Der Transfer bringt die Schatten und Kontraste gut herüber, und das ist von größter Wichtigkeit, da Bergman sehr intensiv mit dem Zusammenspiel aus Schwarz und Weiß experimentiert und hierüber einen großen Teil seiner Intention herüberbringt. Altersbedingte Abstriche sind bei einem leichten Hintergrundrauschen (variiert je nach Szene von erträglich bis kaum spürbar) und vereinzelten Verschmutzungen zu machen.
 5 Narrenkappen

Ton
Aus einer Mono-Tonspur ist von Natur aus nicht viel herauszuholen, aber immerhin; das Poltern der vorbeirauschenden Panzer während der Zugfahrt wird sehr voll wiedergegeben. Die Abmischung im Gesamten ist auch schön deutlich und laut. Ansonsten ist “Das Schweigen” - wenn überhaupt akustisch etwas geschieht - ein reiner Dialogfilm.
 3 Narrenkappen

Verpackung und Menüs




Das Hauptmenü ist gegossene Atmosphäre. Ein Metronom tickt so schnell wie ein Herz in einer Gefahrensituation. Währenddessen wechseln sich Standbilder aus dem Film per Ab- und Aufblende im Takt ab. Das unterschwellige Brodeln des Films wird hiermit wunderbar wiedergegeben. Leider fühlt sich der Intervall etwas kurz an; nach 34 Sekunden wiederholt sich das Menü.
In den Untermenüs ist leider gar nichts los.
Die Verpackung: In der 10 DVDs umfassenden Ingmar Bergman Edition ist die DVD in ein platzsparendes Slim Keep Case gepackt; die Einzel-DVD kommt im Amaray. Die Cover stimmen in beiden Versionen überein, d.h. auch die Einzel-DVD wirbt mit der Banderole "Ingmar Bergman Edition".
 4 Narrenkappen

Extras
Es gibt eine 14-seitige Biografie Bergmans sowie 16-seitige Produktionsnotizen zum Film, darüber hinaus folgende Trailer:
Das Lächeln einer Sommernacht
Nachtgestalten
Martha
Paris, Texas
Frühling, Sommer, Herbst, Winter... und Frühling
 1 Narrenkappe   

Fazit
Intensives Kammerspiel und sicher einer von Bergmans Besten. Die DVD genügt den Mindestansprüchen an einen ungetrübten Filmabend, bietet darüber hinaus jedoch nicht allzu viel.
 6 Narrenkappen

Testequipment
TV-Gerät: Tevion 4:3
DVD-Player: Pioneer XV-DV313 5.1 Komplettsystem
Gespeichert
dÆmonicus
Globaler Moderator
*
Offline Offline

Beiträge: 33.443


Dragon


« Antwort #2 am: 17. Oktober 2007 um 18:26 »

 Geschockt Gut dass ich auf dem Gümn... , Gynme..., dass ich das Abitur hab, sonst würd ich vielleicht gar nicht alles verstehen.  Mr. Green Krass phätte Review, zu einem ganz hervorragenden Film. Bin ansonsten etwas auf dem Kriegspfad mit dem guten Ingmar, aber bei dem Film kann ich mich voll und ganz anschliessen.
Gespeichert
Vince
Steelbook
*
Offline Offline

Beiträge: 4.348


Debakelvince


« Antwort #3 am: 17. Oktober 2007 um 18:36 »

Geschockt Gut dass ich auf dem Gümn... , Gynme..., dass ich das Abitur hab, sonst würd ich vielleicht gar nicht alles verstehen.  Mr. Green
Na, na, die Fremdwörter, die ich eingebaut habe, hab ich doch auch alle erklärt. Zwinkern

Zitat
Krass phätte Review, zu einem ganz hervorragenden Film. Bin ansonsten etwas auf dem Kriegspfad mit dem guten Ingmar, aber bei dem Film kann ich mich voll und ganz anschliessen.

Jip, denke auch, der ist verhältnismäßig zugänglich für einen Ingmar. Ich finde den Streifen auch ein klein wenig lynchig... Kann es sein, dass der Kellner am Anfang der 2. Staffel von "Twin Peaks" eine Hommage an den Kellner aus "Das Schweigen" ist?
Gespeichert
dÆmonicus
Globaler Moderator
*
Offline Offline

Beiträge: 33.443


Dragon


« Antwort #4 am: 17. Oktober 2007 um 18:44 »

Möglich, aber ich halte es persönlich doch eher für unwahrscheinlich.  Cool Vielleicht weiss ja jemand genaueres, lasse mich da gerne belehren, falls es doch so ist.
Gespeichert
Seiten: [1]   Nach oben
  Sende dieses Thema  |  Drucken  
 
Gehe zu:  



Impressum | Forumregeln | Kontakt | Sitemap
Powered by SMF 1.1.21 | SMF © 2006, Simple Machines