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Autor Thema: Porcupine Tree - Arriving Somewhere...  (Gelesen 2984 mal)
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Vince
Steelbook
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Beiträge: 4.348


Debakelvince


« am: 10. November 2006 um 20:11 »

Porcupine Tree
Arriving Somewhere...(2005)



Technische Daten
Vertrieb: Snapper
Regionalcode: 0 / NTSC
Laufzeit: Einfach zeitlos, muahaha
Darsteller: Steven Wilson, Richard Barbieri, Gavin Harrison, Colin Edwin

Film
Was haben ein Baum und ein Stachelschwein gemeinsam? Richtig, sie existieren beide auf unserem Planeten. Und sonst? Eigentlich nicht viel... außer, dass der Brite Steven Wilson Ende der 80er Jahre auf die bekloppte Idee kam, seine Band “Porcupine Tree” zu nennen.

Wer das jetzt für einen blöden Witz hält, der hat sogar Recht. Ursprünglich war die Formation nämlich nichts weiter als ein Hirngespinst des heutigen Frontmannes der vielleicht einflussreichsten modernen Progressive-Band unserer Zeit. Wilson erfand einfach mal ein paar Musiker, deren Biografien, in einem Anfall von Komödie schuf er allerhand sinnfreie Songtitel und lieferte in Eigenregie ein angeblich verschollenes Tape einer ihm zufolge legendären Seventies-Progband. Nichts als ein riesengroßer Witz, der sich aber flott selbstständig machte, als ein Produzent eines der Stücke für einen Prog-Sampler haben wollte.
Also suchte sich Steven Wilson schnell ein paar Musiker zusammen, um als “Porcupine Tree” auch touren zu können und einem Mythos ein reales Antlitz zu verleihen. Ein Scherz von fehlender Sinnhaftigkeit, dazu ein Bandname, dem wirklich keinerlei Sinn zu entnehmen ist - welch Ironie, dass aus dieser Konstruktion über die Jahre etwas Großes, für die Musikwelt keinesfalls Unbedeutendes wuchs.

Porcupine Tree anno 2005 sind kaum mehr mit ihren Anfängen knapp zwei Jahrzehnte vorher zu vergleichen. Zwar ist die Band auch heute noch fast ausschließlich ein Produkt des Masterminds Wilson - der nebenbei noch die Muße hat, sich ausgiebig Nebenprojekten zu widmen und im großen Stil zu produzieren - ansonsten hat sich die Band aber entwickelt und gewandelt. Koproduktionen mit Bands wie Opeth hatten auch deutlichen Einfluss auf den PT-Output. Pink Floydsche psychedelische Arrangements und verspielte Melodiebögen von teilweise mehr als einer halben Stunde Laufzeit sind seit dem vorletzten Longplayer “In Absentia” nicht nur geschrumpft - dies ist bereits mit “Signify” geschehen - sie wichen auch härteren, stringenteren Tönen und fast wütenden Ausbrüchen in heftige Riffgewitter, die mit Steven Wilsons zarter, fast schüchterner Stimme stets einen steilen Kontrast bildeten. Eine Entwicklung, die nicht allen alten Fans gefallen hat, jedoch zahlreiche neue anzog und die Band deutlich reifen ließ. Porcupine Tree sind heute frischer als je zuvor.

Im Rahmen der “Deadwing”-Tour im Jahre 2005 liegt der Fokus daher selbstverständlich auch auf dieser neuen Richtung. Metal-Riffgewitter scheinen sich wie Ebbe und Flut, wie Tag und Nacht mit dichten Akustik-Passagen abzuwechseln - das ist das neue Gesicht. Die erste DVD des Technik-Fricklers Wilson (kürzlich wurde “Stupid Dream” mit 5.1-Abmischung re-releast und für 2007 ist eine Neuauflage des momentan hoch gehandelten ausverkauften “Lightbulb Sun”-Albums angekündigt) zeigt 16 Songs aus der “Deadwing”-Tour, die in Chicago gespielt wurden. Die Auswahl auf der Tracklist ist soweit schon mal vom Feinsten: Übersongs wie “Arriving Somewhere But Not Here” bilden das Herzstück des Gigs, werden von kommerziellen Trägern wie “Lazarus” und sanfteren Medleys wie “Don’t Hate Me” umrahmt und die letzten fünf Songs, von denen sich später drei als Zugabe herausstellen, gehören zum Besten, was die Gruppe zu bieten hat.

Porcupine Tree stehen im Ruf, eine hervorragende Liveband zu sein, die es schafft, ihre Songs dem Publikum eindringlich und kraftvoll entgegenzupfeffern.
Es dauert nicht sehr lange, bis sich dieser Ruf bestätigt. Eigentlich nicht mehr als eine Minute, dann ist man mitten drin in der Welt des Steven Wilson und versinkt unweigerlich in den mitreißenden Melodien. Mit “Open Car” steht der erste Track vom neuen Album an. Ein heftig rockendes Ding, das gleich klar stellt, woran man hier ist. Wilson, mit Brille und glänzendem blonden Haar, das ihm ständig vors Gesicht fällt und so aussieht, als habe er es unmittelbar vor dem Konzert noch waschen und schneiden lassen, stellt sich hin, bearbeitet seine Gitarre und lässt glasklaren Gesang in die Halle entweichen. In Nuancen von seiner Albuminterpretation alternierend, werden später dann auch ganze Riffpassagen abgewandelt präsentiert. Man akzeptiert, nein, man begrüßt sie sofort.

“Blackest Eyes” führt die eingeschlagene Spur fort. Ein Wechselbad von Harmonie und Härte, wenn Wilson das “Eyes”, den höchsten Punkt im Song, ins Mikro stöhnt und anschließend die tiefgestimmte Gitarre beginnt, wie wild zu wiehern.
“Lazarus” dann der Ruhepol, wie ein Hort der Harmonie fügt er sich ein und lässt eine Folge von himmlischem Klaviergetrippel los. Derweil haucht Wilson “Follow me down to the valley below” und man möchte mitschunkeln, seine Aufforderung wörtlich nehmen und ihm folgen.
“Hatesong” beweist dann erstmalig so richtig die technische Raffinesse hinter den Protagonisten und auch der Konzertorganisation. Ein fliegender Wechsel der Instrumente, die von Moment zu Moment im Vordergrund stehen sollen - hier mal Gavin Harrisons ungemein vielseitiges Schlagzeugspiel, da Richard Barbieris Synth-Welten, dann wieder Steven Wilsons Gitarre oder sein Gesang.
Darauf aufbauend folgt ein längerer Abschnitt, der progressive Spielereien in den Vordergrund stellt und sich auch mal in der Improvisation verliert. Mit “Don’t Hate Me”, “Mother And Child Divided”, “Buying New Soul” und “So Called Friend” wird eine Strecke bewältigt, in der die handwerklichen Fähigkeiten aller Bandmitglieder vollmundig unter Beweis gestellt werden.
Dann endlich kündigt Richard Barbieri grollend den vorläufigen Höhepunkt an: Die ersten atmosphärischen Samples für “Arriving Somewhere But Not Here” erfüllen den Raum und es beginnt ein Gänsehauttrip durch einen noch jungen Klassiker der Bandhistorie. Ausladend, dennoch stringent, sich abwechselnd zwischen der alten Sanftmut und der neuen Forschheit in dem zentralen Riffgewitter, das dem Mittelteil zu eigen ist.
Ein würdiger Klimax, der noch mit “Heartattack In A Layby”, “The Start Of Something Beautiful” und “Halo” abgeschlossen wird - gerade die letzten beiden betreffend keine schlechte Auswahl.

Höflich und zurückhaltend bedankt sich Steven Wilson dann und kündigt das Ende des Konzertes an. Ein großer Entertainer ist der Brite nicht - zwischen den Stücken nur mal ein kurzes “Thank You” und dann weiter im Text - aber das ist auch gar nicht nötig. Das Konzert füllt sich nicht durch hohle Showeinlagen, es wird mit der Kraft der Stücke oben gehalten. Ein Luxus, den man sich bei dieser technischen Versiertheit zweifellos erlauben kann.

Für die Zugabe haben die Jungs es dann tatsächlich geschafft, noch drei meiner absoluten Lieblingssongs aus der Mottenkiste zu holen. “The Sound Of Muzak”, das Stück über den Untergang der Musikkultur, macht den Auftakt und man möchte heulen ob der Intensität, mit der die Botschaft mitgetragen wird, und ob der Botschaft selbst. Wie nix wird dann plötzlich “Even Less”, der grandiose Opener von “Stupid Dream”, hervorgezaubert und erfüllt das heimische Wohnzimmer mit seiner ganzen Ausdrucksstärke. Und den Überknaller in Form eines zu Beginn akustischen Stückes bietet dann der finale Abschluss. Kurz und knapp wispert Wilson das Wort “Trains” ins Mikro. Das Publikum schreit vor Begeisterung, als der Frontmann seine Akustikgitarre anschlägt, betont stark mit der Lautstärkevarianz spielt und den Zuhörer damit in ein eiskaltes Wechselbad der Gefühle wirft. Der Wahnsinn dann zur Mitte: Ausgerechnet in der country-ähnlichen Zwischenpassage reißt plötzlich die zuvor stark beackerte Saite. Ein schneller Instrumentewechsel, Wilson macht weiter und die Zuschauer interagieren, indem sie das charakteristische Klatschgeräusch des Songs nachmachen. Dann der zweite Teil, begonnen wieder mit der Akustikgitarre, bis die elektronische Unterstützung in einem Schwall kommt, dass es einem vor Freude eiskalt den Rücken herunterlaufen könnte.

In Sachen Spielfreude bleibt ein unvergesslicher Konzertmitschnitt zurück, der den guten Ruf der Band auf der Bühne unter Beweis stellt. So originell eingespielte Songs findet man fürwahr nicht bei jeder Liveband wieder. Es ist durchaus ein Erlebnis gewesen, den 16 Songs beizuwohnen, die nicht nur in Sachen Auswahl sehr gelungen sind, auch in Sachen Präsentation und Interpretation.

Ein anderer Punkt ist die Regie. Oft bemängelt wegen viel zu hektischer Schnitte (siehe laut.de), konnte ich derartige Probleme nicht unbedingt feststellen. Die Schnittfrequenz hat mich weniger gestört als vielleicht die Kameraeinstellungen. Originelles wird da nicht unbedingt geboten. Die Band wird meist frontal eingefangen, vom optischen Programm mit Spotlights und Leinwand bekommt man nicht viel mit, vom Publikum ebenso wenig. Die künstlerischen Zusätze wie Farbfilter, bewusst eingesetzte Schmutzpartikel und Rauschen sind Geschmackssache; mich haben sie nicht gestört, veredelt haben sie das Konzert aber allenfalls im gelungen inszenierten Vor- und Abspann.

Was zählt, ist aber der Inhalt, und der ist ausgezeichnet.
 8 Narrenkappen ,5

Bild
Die angesprochenen Bildverfremdungseffekte lassen eigentlich keinen richtigen Schluss auf die Bildqualität zu. Selbst die wenigen fast unbehandelten Abschnitte weisen immer noch grell leuchtende, überkontrastierte Farben auf, sofern sich nicht gerade wieder eine Schwarzweißpassage eingeschlichen hat. Da fast sämtliche Bildbewertungskriterien bewusst als Stilmittel umfunktioniert wurden, muss die Bewertung entfallen.
-keine Wertung -

Ton
Von gewohnter Qualität ist die Soundabmischung ausgefallen. War schon der 5.1-Mix von “Stupid Dream” ein akustischer Genuss, so gilt dies auch für die erste Porcupine Tree-DVD. Voluminös und druckvoll wird das komplette System ausgenutzt. Stimme und Instrumente kommen allesamt ausgezeichnet zur Geltung. Der Test über den Stereokanal hat erwiesen, dass auch Nicht-Besitzer einer 5.1-Anlage sich über glasklaren Sound freuen können.
 8 Narrenkappen ,5

Verpackung und Menüs
Verpackt wurde das DVD-Set in ein schön aufgemachtes, zweifach aufklappbares Digipack. Ein Booklet gibt es leider nicht.
Das Menü ist im 5.1-Ton musikalisch untermalt und lässt die ersten Töne von “Arriving Somewhere...” anklingen. Die anwählbaren Punkte sind allesamt mit leichter Animation in Kreisgebilden dargestellt, wie man sie auf dem Cover findet.
 6 Narrenkappen ,5

Extras
Die Extras wurden auf eine zweite Disc gepackt. Den Anfang macht eine Bildergalerie, die in einer Slideshow abläuft und mit einer sehr interessanten Soundkulisse ausgestattet wurde, welche man zudem noch wahlweise in Stereo oder 5.1 ablaufen lassen kann.
Gleiches gilt für den Rest der Extras, als da wäre zunächst ein Promotion-Video zu “Lazarus” (3:57 Min.). Unter “Live Projections” gehts’s weiter mit den drei Songs “Halo”, “Mother & Child Divided” und “Start of Something Beautiful”. Der Audiotrack ist hierbei dem Konzert entnommen; auf dem Bildschirm zu sehen sind gleichzeitig die visuellen Projektionen, die im Hintergrund abgespielt wurden. Das ist insofern ganz nett, weil bei den Konzertaufnahmen davon eher wenig zu sehen war. Und zumindest im letzteren Fall ist es das wirklich wert, wird doch eine kleine, teils handanimierte Geschichte im Stil der Tool-Videos erzählt.
Der nächste Punkt nennt sich “Rockpalast” und beinhaltet die beiden Songs “Futile” und “Radioactive Toy”, die es nicht ins Chicago-Konzert geschafft haben, sondern hier eben beim Rockpalast gespielt wurden. Leider nur in Stereo, tatsächlich aber mit einer etwas besseren Bildregie als beim eigentlichen Hauptkonzert.
Zum Abschluss gibt es dann noch den “Cymbal Song”, ein Instrumental, bei dem bildlich jeder Anschlag auf die Hi Hat (veralteter englischer Ausdruck: sock cymbal) illustriert wird.
Über die Tour, über die Band oder Sonstiges erfährt man im Bonusmaterial also leider nichts, das Gebotene ist lediglich eine musikalische Erweiterung des Konzertes, die aber technisch beeindruckend in Szene gesetzt wurde und sehr unterhaltsam geworden ist, auch wenn die Laufzeit der zweiten Disc nicht allzu lang ausgefallen ist.
 4 Narrenkappen ,5

Fazit
Da ist Steven Wilson ein lohnenswertes kleines Juwel gelungen. Die DVD überzeugt inhaltlich mit einem bombastischen Konzert und akustisch mit hervorragendem Surround Sound. Ein paar Extras sind dabei und hübsch aufgemacht ist es auch noch - Grund zur Klage gibt es höchstens für den nicht optimalen Regiestil und eventuell, sofern es dem persönlichen Geschmack nicht entspricht, die stilistischen Verfremdungen. Ansonsten ein starkes Stück Musik, das durch seine extreme Sogwirkung auch für Prog-Fremde einen Blick wert sein könnte.
 8 Narrenkappen

Testequipment
TV-Gerät: Tevion 4:3
DVD-Player: Pioneer XV-DV313 5.1 Komplettsystem
Gespeichert
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