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Autor Thema: Antichrist  (Gelesen 3543 mal)
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freeman
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« am: 17. September 2009 um 15:39 »

Antichrist



Der Tod des gemeinsamen Kindes stürzt ein Ehepaar in einen verstörenden Strudel aus Sex und Gewalt ...

Originaltitel: Antichrist
Herstellungsland: Deutschland, Dänemark, Frankreich, Italien,  Polen, Schweden
Erscheinungsjahr: 2009
Regie: Lars von Trier
Darsteller: Willem Dafoe, Charlotte Gainsbourg

Zwei Menschen geben sich dem expliziten Liebesspiel hin. Zunächst unter der Dusche, dann im heimischen Schlafzimmer. In entlarvender Megazeitlupe spielt sich während des Orgasmus der beiden Liebenden ein weiterer kleiner Tod ab. Gerade als nämlich die Eltern ekstatisch kommen, prallt ihrer beider Kind auf den Randstein des Bürgersteiges. Es hatte die Unaufmerksamkeit der Eltern genutzt, entstieg seinem Bettchen und folgte der lockenden, wunderschönen, sich in watteartigen Schneeflocken manifestierenden Natur ... in den Tod.

Nach diesem Unfall ergeht Sie sich in selbstzerfleischenden Zweifeln. Sie habe das Kind retten können. Ihr Mann kann aber nicht ansatzweiße nachvollziehen, wie sie das hätte schaffen sollen. Also beginnt Er, Psychotherapeut von Beruf, wider besseres Wissen – "Ein Therapeut sollte niemals die eigene Familie therapieren." – seine Frau zu behandeln. Sein Therapieansatz: Sie soll die Talsohle der Depression durchschreiten, indem sie gemeinsam gegen eine ihrer Urängste vorgehen.


Erstaunlicherweise benennt Sie, die die Wälder bisher immer liebte, ausgerechnet die Natur als größten ihrer Angstherde. Also bricht man gemeinsam zu der Waldhütte auf, die beide bei ihrem Erwerb Eden getauft haben. Doch während Er glaubt, bei der Therapie Fortschritte zu machen, beginnen beide einander immer mehr zu entgleiten. Er, der rationale Wissenschaftler, findet keinen wahren Zugang zu der letztlich irrational argumentierenden Frau, die deutlich naturverbundener zu sein scheint, als Er es ahnen konnte.

Obendrein wird der eingangs zelebrierte, leidenschaftliche Sex zwischen den beiden Protagonisten immer brutaler und mutiert mehr und mehr zu einem Macht- und Kontrollmittel, wobei vor allem Er allmählich die so sicher geglaubte Kontrolle über seine Frau verliert. Ein fataler Umstand, denn sie beginnt im scheinbaren Wahn mittels Bohrer und ähnlich archaischen Waffen gegen ihren Mann vorzugehen ... Wodurch Eden zur Hölle auf Erden mutiert …

Die Natur ist Satans Kirche!

Die grauenvolle Sezierung des Zerfalls einer Ehe, die durch eine Extremsituation auf eine brutale, in vier Kapitel unterteilte Bestandsprobe gestellt wird, bei der schon einige Kapitelnamen wie Schmerz, Trauer und Verzweiflung die Marschrichtung von Antichrist andeuten. Eine düstere Analogie auf das "Survival of the Fittest" Konzept unserer uns umgebenden Natur, die uns dank ihres Darwinistischen Ansatzes nicht allzu selten als unwahrscheinlich grausam erscheint, ein Bibelgleichnis oder doch nur ein verkopftes Hirngespinst des Regisseurs Lars von Trier, der über Antichrist folgendes sagte:


"Szenen wurden ohne Grund hinzugefügt. Bilder wurden zusammengestellt, unabhängig von Logik oder dramatischem Denken. Oft stammten sie aus Träumen, die ich zu der Zeit hatte. … Der Film enthält keinen bestimmten moralischen Code und beinhaltet nur das, was manche die 'blanke Notwendigkeit' von einem Plot nennen würden."

All diese Ansätze finden Eingang in Antichrist. Seien es die beiden Hauptfiguren, die einander immer mehr entgleiten, obwohl sie einander durch die Therapie wieder näher kommen wollten, die immer wieder eingebauten Einsprengsel, dass die Natur das pure Böse beherberge oder Szenen, in denen Tiere zu den Menschen sprechen, was den kranken Hirnwindungen eines depressiven Regisseurgeistes entsprungen zu sein scheint, Antichrist liefert viele Deutungsansätze, die es aber nicht unbedingt einfacher machen, Zugang zu Antichrist zu finden.

Zumal Lars von Trier vor allem gegen Ende einige Szenen einflicht, die bisher Gesehenes auf den Kopf stellen und in einem anderen Licht erscheinen lassen. Diese erlauben sogar eine simple Umdeutung des gesamten Filmes zu einem reinen Horrorfilm, der irgendwo auf der aktuellen Torture Porn Welle mitzusurfen versucht und wegen denen man das "Die Natur ist Satans Kirche" Zitat von oben durchaus umbiegen könnte in:

Die Frau ist Satans Kirche!

Gerade der wie der einleitende Prolog grandios inszenierte und mit einem Stück von Händel unterlegte Epilog könnte diese Vermutung nahe legen und wirklich, wenn man sich Lars von Triers Werk und Schaffen bisher anschaut, sind ihm derart frauenfeindliche Tendenzen definitiv nicht fremd.


Freilich könnte man hier auch eine Neudeutung des Sündenfalles hineininterpretieren, denn wo Eva die Alleinschuld für den Verzehr der Frucht vom Baum der Erkenntnis der Natur zuschiebt und damit wie die weibliche Antichrist Hauptfigur der Natur eine gewisse Grundbosheit zuschreibt, zeigte Adams anklagender Finger auf Eva … und genauso sieht der männliche Protagonist aus Antichrist stellvertretend für den Zuschauer eben die Hauptschuld irgendwann bei seiner Frau.

Dennoch wird man während des Filmgenusses gar nicht einmal zwingend auf derartige Deutungsansätze kommen, denn von Trier lanciert ein ganzes Sperrfeuer an vordergründigen Filmmitteln, die das Hirn scheinbar zu lähmen scheinen und vor allem die Augen aufs Faszinierendste bedienen. Antichrist als ein Bildgedicht zu umschreiben, wäre nämlich eine komplette Untertreibung. Dabei ist der Film nicht im eigentlichen Sinne schön anzuschauen. Viel mehr ist Antichrist faszinierend düster, überstilisiert, voll von erlesenen Bildern angefüllt mit einer eigenartig suggestiven Sogkraft und von einem verstörenden Hochglanzzuckerguss überzogen, der es trotzdem immer und immer wieder schafft, den faszinierenden, opernhaften und artifiziell anmutenden Bildkompositionen in Antichrist eine morbide Grundnote zu verleihen, die selbst heftigen Schockeffekten eine überwältigend schöne Aura verleiht.


Dabei spürt man gerade nach dem Prolog, der wie der Epilog in Schwarz Weiß und dank Extremzeitlupen förmlich überinszeniert wurde, dass Lars von Trier immer ein Horrorfilm vorschwebte, denn nach der unglaublichen Schönheit des psychologisch verheerenden Intros beginnt von Trier mit den dunklen Bildern und Stilelementen zu wuchern. Bezugslinien im Bild dürfen verwischen und sich verschieben, Unschärfen schleichen sich in den Hochglanz, bewusst gesetzte Zeitlupen gehen durch Mark und Bein und sogar subliminale Bilder von Monsterfratzen dürfen vor vorbeiziehenden Wäldern aufblitzen und andeuten, wohin die Reise gehen wird. Ins Herz der Natur ... Ins Herz der Protagonistin ... Ins Herz der Finsternis.

Über diese berauschende Bilderflut hinaus provoziert Lars von Trier auch in sexueller und gewalttechnischer Hinsicht. Gerade diese beiden Punkte könnten vielen Zuschauern den unvoreingenommenen Blick auf Antichrist verstellen. Denn natürlich setzt Lars von Trier bewusst auf eine Brüskierung des Zuschauers, wenn erigierte Penisse in Großaufnahme in Vaginas eintauchen oder mit einem Stein die Hoden eines Mannes zerschlagen werden. Warum von Trier (über werbetechnische Belange hinaus) diesen Weg geht, vermag vermutlich nur er selbst wirklich zu sagen, für den unvoreingenommenen Zuschauer entsteht aber gerade durch diese extremen und etwas marktschreierischen, ja oberflächlichen Szenen auch eine ungeahnte Intensität.


Denn eines ist Fakt: Antichrist ist es nicht wichtig, welche Position der Zuschauer in Bezug auf die Figuren einnimmt. So entsteht eine enorme Distanz des Zuschauers zu den agierenden Figuren, die beide in ihren zu extremen Positionen zu erstarren und nicht aufeinander zuzugehen scheinen. So fällt es schwer, sich eindeutig auf eine Seite zu schlagen, da beide Figuren teils recht irrational handeln. Und in diese etwas unterkühlte Beziehung des Zuschauers zu den Figuren fahren die sehr harten Bluteffekte wie ein Donnerschlag, denn auf einmal ist da ordentliches Involvement für die Figuren da. Zwar mit dem Holzhammer herbeigeführt, aber es funktioniert.

Vor allem gegen Ende, wenn der Film im dann wirklich spannenden Showdown die Situation bis zum unausweichlichen Finale zuspitzt und beide Darsteller ordentlich durch die Hölle gehen müssen. Dabei wissen beide Schauspieler absolut auf ihre Weise zu begeistern. Der Film gehört dabei fraglos der grandios und unheimlich intensiv aufspielenden Französin Charlotte Gainsbourg, die nicht nur das Seelenleben ihrer Figur sondern auch sich selbst bis aufs Äußerste entblättert und ihrem Charakter ordentlich Seele einhaucht. Willem Dafoe hält dagegen Sie und den Zuschauer aufgrund seiner nüchternen und wissenschaftlich agierenden und erklärenden Rolle ordentlich auf Distanz, bietet damit aber auch den notwendigen und vor allem glaubwürdigen Gegenpol zu Gainsbourg.


Andere Figuren spielen im Antichrist keine Rolle und bleiben dementsprechend stumm. Genau wie die Musikspur des Filmes. Diese darf nur zweimal das gleiche Stück von Händel spielen, hat ansonsten aber Pause und wird durch ein unter den Bildern dräuendes, in seinen besten Momenten hochgradig verstörendes und wuchtiges Soundgewirr ersetzt, nach dem, in voller Lautstärke genossen, das Geräusch einer auf ein Vordach fallenden Eichel oder Kastanie nie mehr so klingen wird, wie zuvor.

Was bleibt ist ein Horrorfilm für ein denkendes Publikum, das sich aufgrund der aufgefahrenen vordergründigen Effekte ziemlich überfahren fühlen wird, nach dem Kinobesuch aber sicher feststellen muss, wie sehr der Film von Minute zu Minute wächst und wie viele Deutungsmöglichkeiten er letztendlich anbietet. Torture Porn, Zerstörung der heiligen Institution Ehe, Spiel mit Bibelmetaphorik, Analogie zur Hexenverbrennung, die Klärung der Urschuld, die scheinbar lauthals skandiert: „Die Frauen sind an allem schuld!“, Wahnsinn oder geht es doch um die Natur und das ihr innewohnende Urböse? Das und noch mehr kann ein Publikum, das Spaß daran hat, sich einen Film im Nachgang über das Offensichtliche hinaus zu erschließen, durchaus in Antichrist entdecken. Flankiert wird das von einem die Sinne betäubenden Sperrfeuer aus genialen Bildern und Bildkompositionen und einem hochgradig verstörenden Sounddesign.


Das muss und wird fraglos nicht jedem gefallen, zumal Antichrist auch erzählerisch und vom Tempo her etwas sperrig daherkommt, dennoch ergeht hier mein Tipp, sich diesen Film schnellstmöglich anzuschauen und sich selbst eine Meinung zu bilden oder sich einfach nur an den großartigen Bildern zu berauschen.
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freeman
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freeman
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« Antwort #1 am: 17. September 2009 um 15:41 »

Auch hier der dringende Hinweis, dass die Kritik nur Deutungsansätze liefern soll und ich den häufig gesetzten Konjunktiv als genauso verstanden wissen möchte. Denn wenn ein Film verschiedenste Ansichten von harschen Verrissen bis zu Meisterwerkaussprüchen provoziert, dann dieser hier ...

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dÆmonicus
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Hokusai


« Antwort #2 am: 17. September 2009 um 15:50 »

Ist schon vorgemerkt.

Was mir nicht ganz klar ist, wenn die Kritik nur Deutungsansätze liefern soll und ich aus deiner Review auch nicht wirklich was richtig negatives rauslese: Warum die 7/10?
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freeman
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« Antwort #3 am: 17. September 2009 um 16:13 »

Das ist schwer zu sagen. Das Bauchgefühl verhindert ganz hohe Wertungen, im Mittelteil verliert sich der Film ein wenig im Nichts (Stichwort: Sperrig aka Langweilig) und irgendwann ufert das Mäandern um richtige Antworten/Deutungsansätze echt in Arbeit aus ... Ich würde sagen, der Film ist sehr anstrengend ... zu anstrengend ab und an ... zumindest pour moi ... das kann bei jedem Anderen schon wieder anders aussehen Zwinkern ... und da er nicht schlecht ist und schon gar kein Durchschnitt muss ich über 5 oder 6 von 10.

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freeman
« Letzte Änderung: 17. September 2009 um 16:15 von freeman » Gespeichert

dÆmonicus
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Hokusai


« Antwort #4 am: 17. September 2009 um 17:56 »

Alles klar, das mit dem Bauchgefühl kenn ich. Bin echt schon neugierig, wie der Film auf mich wirkt.
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