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Autor Thema: Kritik zu Abbitte  (Gelesen 1919 mal)
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freeman
Kinothekar
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Beiträge: 7.231



« am: 12. November 2007 um 22:21 »

Abbitte



Originaltitel: Atonement
Produktionsjahr: 2007
Herstellungsland: GB
Regie: Joe Wright
Darsteller: Keira Knightley, James McAvoy, Romola Garai, Saoirse Ronan, Brenda Blethyn, Vanessa Redgrave u.a.

1935. England. Im Land rumort es gewaltig, scheint man doch an der Schwelle zu einem Krieg zu stehen. Doch in manchen Bereichen des Landes spielt diese Erkenntnis keine Rolle. Hier lebt man ein gelacktes wie langweiliges Leben und scheint nur für den Moment zu existieren. Es gibt keine hochtrabenden Pläne, keine Verpflichtungen, Nichts. Einfach nur Langeweile und komplett auf sich selbst bedachte Menschen. Die Folge: Briony Tallis, ein 13jähriges Mädchen, fühlt sich von ihrer Familie unbeachtet und obendrein in seinen Fähigkeiten unterfordert. Stücke schreiben und aufführen, dafür lebt sie. Und gerade hat sie wieder ein neues Stück fertig gestellt. Doch leider interessiert sich niemand für das Stück. Verärgert über diesen Umstand treibt die Fantasie des Mädchens ungeahnte Blüten und es kommt zur Katastrophe. So ist sie dabei, wie sich zwischen ihrer Schwester Cecilia und dem Sohn einer Bediensteten eine zarte Liebesgeschichte anbahnt. Doch Briony interpretiert diese frisch knospende Beziehung vollkommen falsch. Zum einen, weil sie in ihrer Jugendlichkeit noch gar nicht ahnen kann, was sich zwischen Cecilia und Robbie Turner abspielt, zum anderen, weil sie sich von dem jungen Mann verschmäht fühlt, hegte sie doch zarte Gefühle für ihn, wurde allerdings barsch verschmäht. In dieser Situation gelangt ein vertauschter, recht schmutziger Brief von Robbie an Cecilia in Brionys Hände und lässt in ihr schlimmste Bilder von Robbie entstehen. Ein Triebtäter müsse er sein, um derartige Briefe schreiben zu können. Sie befürchtet, dass Robbie zu einer ernsthaften Bedrohung für sie und ihre Schwester werden könnte. Obendrein wird bei einem gemeinsamen Abend der ganzen Familie Brionys Verwandte Lola von einem Mann "vergewaltigt". Briony zählt eins und eins zusammen und gibt bei der Polizei an, Robbie sei der Vergewaltiger und sie habe ihn gar gesehen. Und so stürmisch wie er Cecilia am gleichen Abend in der Bibliothek verführt habe, stünde außer Frage, wie es um die Moral Robbies bestellt sei. Dabei weiß Briony genau, dass Robbie kein Vergewaltiger ist. Doch sie nimmt dies billigend in Kauf und trennt die füreinander bestimmten Liebenden Robbie und Cecilia auf Lebenszeit ... Ob die beiden wohl wieder zueinander finden werden, wenn Briony Abbitte geleistet hat?

Abbitte (=die Bitte um Verzeihung beziehungsweise das Vergeben von Schuld) ist ein wuchtiges Drama, das an verschiedensten Fronten kämpft. Es geht in erster Linie um eine große Liebe, eine große unmögliche Liebe. Doch auch Themen wie die schmerzliche Trennung der Liebenden werden ausführlich angeschnitten. Fast noch wichtiger sind die lancierten Motive um Schuld und Unschuld, Treue und Verrat. Das schockierendste Element ist aber vermutlich die Erkenntnis, wie lange ein Mensch brauchen kann, um sich selbst eine Schuld einzugestehen. All diese sehr schweren und fast schon existentialistischen Themen schneidet Abbitte an und verwebt sie dank seiner formalen Brillanz zu einem aufwühlenden und rundum funktionierenden Ganzen.


Galt Ian McEwans Roman "Atonement" bis vor kurzem noch als unverfilmbar, stellte sich der "Stolz und Vorurteil" Regisseur Joe Wright dieser Aufgabe und brilliert weitgehend auf ganzer Linie. Den komplexen und von der Kritik hochgelobten Roman geht er äußerst interessant an. Interessant insofern, da sich all seine Stilmittel fast en passant auf die narrative Struktur des Filmes auswirken. So springt Wright behände zwischen den verschiedensten Zeitebenen und Erzählperspektiven hin und her, ohne den Zuschauer zu verwirren oder zu sehr zu fordern. Dabei nutzt er diese Stilmittel zumeist, um auf soeben gesehene Ereignisse ein anderes Licht zu werfen und eventuell gemachte Erkenntnisse umzuwerfen oder ihnen von einen Moment auf den anderen fast schon schockierende Qualitäten zu verleihen. Dabei beginnt Wright zunächst recht zaghaft mit diesem Parforceritt durch die Erzählmöglichkeiten des Mediums Film. So gerät ihm der Einstieg zugegebenermaßen etwas sehr zäh, zeigt er hier doch nur das langweilige Landleben der spätviktorianischen Gesellschaft. Und genau das empfindet auch der Zuschauer zunächst. Langeweile. Doch Wright nutzt diesen vielleicht zu ruhigen Einstieg gleichzeitig formidabel, um seine Charaktere einzuführen. Er lässt sie interagieren und wachsen. Und plötzlich gibt es die erste Szene aus zwei verschiedenen Perspektiven und schon der Ausgang dieser vermeintlich harmlosen Szenenfolge zeigt auf, dass hier unter der Oberfläche etwas Finsteres brodelt.

So wird der Zuschauer zum ersten Mal Zeuge, dass Briony (brillant verkörpert von der jungen Saoirse Ronan) gar nicht versteht, was wirklich um sie herum passiert. Und genau dieser Eindruck wird mit weiterem Voranschreiten des Filmes immer weiter vorangetrieben. Am Ende steht eine sehr intensive Liebeszene, in der sich die Lust und die bisher verborgenen Gefühle Robbies und Cecilias füreinander offen Bahn brechen und erneut vollkommen falsch von Briony interpretiert werden. Spätestens jetzt weiß man, dass dieser Entwicklungsweg kein gutes Ende nehmen wird. Robbie kommt ins Gefängnis und der Film startet seinen ersten Zeitsprung. Vier Jahre später kämpft sich Robbie durch das französische Hinterland. Die erste Offensive der Engländer wurde zurückgeschlagen und alles will nur noch zur Küste, um den Deutschen zu entkommen. Ab jetzt wird der Sprung in den Zeitebenen zur Methode. Wir springen in frühere Zeiten, in denen Robbie und Cecilia füreinander schwärmten. Wir erleben die zaghaften Gefühle Brionys für Robbie und wie sie abgelehnt wird. Und sind dabei, wie sich Cecilia und Robbie ein ums andere Mal trennen mussten. Diese Zeitsprünge sind unglaublich elegant und mit viel Sinn für Atmosphäre eingewoben und ergeben mehr und mehr ein stimmiges Ganzes.


Wenn Robbie in Dünkirchen ankommt, darf sich dann auch der bisher immer souveräne und im Dienste des Filmes agierende Kameramann Seamus McGarvey so richtig austoben. Das Ergebnis ist eine atemberaubende, irreale und herrlich entrückte mehrminütige Plansequenz, die die schockierenden Zustände an dem Strandabschnitt um Dünkirchen bebildert und sicher als eine der besten Filmsequenzen des Jahres betrachtet werden kann. Unter diesen Szenen spielt dann der starke, pianolastige Score von Dario Marianelli zu wahrer Größe auf, versteht es aber auch im Rest des Filmes mit sehr melancholischen und ruhigen Themen zu punkten.

Nach diesem beeindruckenden Bildergedicht konzentriert sich Wright wieder mehr auf seine Geschichte, die erneut in Zeitsprüngen vorangetrieben wird und sich nun vor allem Briony widmet, die aus lauter Schuldgefühlen in einem Schwesternkrankenhaus arbeitet, wo sie ihre Schuld abzugelten hofft. Doch dies soll ihr nie gelingen, ist ihr Charakter doch gar nicht dazu in der Lage, seine volle Schuld einzugestehen oder zu begreifen. Gespielt wird Briony hier von Romola Garai, die in nur wenigen Minuten Screentime den vollkommen zerrissenen Charakter ihrer Figur hervorragend transportieren kann. Alles endet mit einem Schnitt in die Jetztzeit, in der Briony - jetzt gespielt von der großen Vanessa Redgrave - dem Film eine letzte, wirklich dramatische und herzzerreißende Wendung verpasst. Und während sie das macht, vollführt der Film fast eine Art medialen Sprung, denn auf einmal wird aus dem edel durchkomponiertem, breitem Drama eine simple Interviewszene in einem TV Studio. Eben genauso inszeniert. Keine Farbfilter, keine Weichzeichner. Harte Realität ... so wie die schlussendliche Wendung. Und auch erzählerisch kommt es plötzlich zu einem Bruch, mutiert doch eine der Hauptfiguren zum Erzähler! Ein Kniff, den Wright in den gesamten zwei Stunden vorher nicht einmal anwendete. Spätestens jetzt ist man als Nichtkenner des Romans "Atonement" extrem neugierig, wie denn Autor Ian McEwan diesen Schlusspart gestaltet hat.


All das wurde von Paul Tothill einfach nur brillant montiert und hat einen Film zur Folge, der berührt, nachdenklich macht, schwere Themen anschneidet, ohne in Betroffenheitsgesülze zu ertrinken und eigentlich nur wenige echte Mankos aufzuweisen hat. Ein wichtiges ist definitiv Keira Knightley. Sie ist zwar weit entfernt von ihren witz- und charismabefreiten Auftritten in Fluch der Karibik, doch viel mehr als gut auszusehen macht sie in Abbitte leider nicht. Dagegen wuchtet James McAvoy als Robbie den Film fast im Alleingang und darf auch sämtliche Seiten der Gefühlsklaviatur anschlagen. Verliebt, ruhig, schwärmend, charmant, innerlich zerrissen, aufbrausend, am Ende aller Hoffnung ... bei James McAvoy stimmt jede Geste, sitzt jeder Blick und funktioniert jeder Moment seiner Screenpräsenz. Hätte man ihm noch einen starken Gegenpart in Form einer besseren Cecilia gegönnt, es wäre perfekt gewesen. So bleibt immer der schale Nachgeschmack, dass die Chemie zwischen Knightley und McAvoy nicht stimmt und ihre Liebe ab und an nicht nachvollziehbar wirkt. Freilich eigentlich der Todesstoß für einen Film wie diesen. Da Wright die Knightley aber recht schnell aus dem Mittelpunkt des Interesses herausmanövriert und seinen Fokus auf Robbie und Briony legt, fällt das nicht gar so sehr ins Gewicht.

Das Ergebnis ist ein brillant erzählter und montierter Bilderrausch mit - von kleinen Ausnahmen abgesehen - sehr starken Darstellern, der sich scheinbar von Minute zu Minute steigert und sowohl mit einem komplexem Handlungsgerüst als auch einer konstanten Spannungskurve aufzuwarten versteht. Dabei ist das Erzähltempo selbst erstaunlich gemäßigt, ja fast schon elegisch. Geadelt von einem wunderschönem Score gehört Abbitte trotz kleiner Schönheitsfehler zum Wuchtigsten und Bewegendsten, was derzeit über unsere Leinwände flimmert.
 8 Narrenkappen

In diesem Sinne:
freeman
« Letzte Änderung: 12. November 2007 um 22:23 von freeman » Gespeichert

dÆmonicus
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Beiträge: 30.443


Hokusai


« Antwort #1 am: 12. November 2007 um 22:32 »

Die Kamerafahrt über den Strand hab ich im Making OF im TV gesehen, war sehr beeindruckend. Film interessiert mich aber null.  Zwinkern Aber wieder ne kompetente und gute Kritik.
Gespeichert

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